Freitag, 17. Dezember 2010

Zurück aus dem Heimaturlaub

Nun sind wir schon wieder seit einer Woche in Lugala. Für die Rückreise hatten wir uns wohl den richtigen Tag ausgesucht, wenn wir sehen, wie Deutschland im Schnee versinkt, Straßen blockiert und Flughäfen geschlossen sind. So jedenfalls die Nachrichten im Internet.
Mit unserem Gepäck hatten wir die 40 kg für jeden fast ausgeschöpft, insgesamt brachten die Koffer 72 kg auf die Waage, vor allem wegen der Werkzeuge, OP-Materialien und -gerätschaften für das Hospital. Für unsere rein privaten Dinge hätte wahrscheinlich das Handgepäck ausgereicht. Der Zoll interessierte sich glücklicherweise nicht für unser Gepäck. Auch die Sägeblätter, wegen denen wir auf dem Heimflug den Koffer auspacken mussten, gingen diesmal in Berlin problemlos durch die Kontrolle. Mit den Kreissägeblättern arbeitete unser Tischler seit 20 Jahren. Zum Schluss war kaum noch ein ordentlicher Schnitt möglich und so hatten wir die Sägeblätter zum Schärfen mitgenommen. Herr Steikert von der CNC – Werkzeugschleiferei Steikert in Göllingen hat sie freundlicherweise kostenlos für uns geschärft.

Kuandika, unser Fahrer, holte uns am Mittwochmittag vom Flughafen ab und dann begann auch schon gleich der Stress. Da am Donnerstag Unabhängigkeitstag und damit nationaler Feiertag war, mussten alle Einkäufe gleich nach unserer Ankunft erledigt werden, also Medikamente bei zwei verschiedenen Großhändlern, Kuandika hatte eine Liste für Ersatzteile für die Fahrzeuge, von denen er vor unserer Ankunft noch nicht alle besorgen konnte und natürlich auch diverse Lebensmittel und andere notwendige Dinge für die nächsten Wochen (wie Nudeln, Butter, Olivenöl, Kaffe, Waschpulver....), auch für den Arzt Peter Hellmold, der uns seine Einkaufsliste geschickt hatte. Das alles nach einem Temperatursprung von 40° nach einer fast schlaflosen Nacht im Flugzeug. Es war ganz schön anstrengend und wir sind abends todmüde ins Bett gefallen.

In Dar es Salaam gab es noch eine sehr schöne Aufgabe zu erledigen, wir haben Spendengeld aus Deutschland umgesetzt. Am letzten Tag zu Hause erreichte uns eine E-Mail von Peter Hellmold, wir sollten bitte in Dar ein Lichtmikroskop für unser Labor kaufen, er hatte es bei einem Laborausstatter telefonisch bestellt. Unser altes Mikroskop ist endgültig ausgestiegen und nicht mehr zu gebrauchen. Dieses Mikroskop ist für die täglichen Untersuchungen aber absolut notwendig (vor allem wegen Malaria und Stuhluntersuchungen, da die meisten Patienten, hauptsächlich Kinder, verwurmt sind). Das Mikroskop kostete 2 Mio Tan.Schilling, ca. 1000 Euro. So haben wir die großzügige Spende des Architekturbüros Utta Enderlein mit den Erlösen aus Briefmarkenverkäufen der Briefmarkenfreunde um den Sammler Harri Bechtel und aus Postkartenversteigerungen meines Vaters und Ebay -Profis, aufgestockt und davon das Mikroskop bezahlt. Unser Laborleiter, Mr. Kaberege, hat es sehr erfreut in Empang und sofort in Betrieb genommen.

Mr. Kaberege und Mama Chogo mit neuem Mikroskop
Am Donnerstag ging es dann auf einen Ruck bis nach Lugala, 13 h Fahrt. Nach den ersten Regenfällen war die Straße ab Ifakara abschnittweise schon sehr aufgeweicht. Wir hatten Glück, dass kein LKW auf der Strecke hängen geblieben ist und wie am Tag zuvor die Straße blockiert hat. So gibt es hier wie da Schwierigkeiten, bei uns ist es der Schlamm, in Deutschland der Schnee.

Hier empfing uns dann gleich der übliche Hospitalalltag mit all seinen (finanziellen) Schwierigkeiten. Wir sind freudig begrüßt worden, das hat uns natürlich gefreut.
Die Einnahmen waren in den letzten Monaten nach der Ernte recht gut, doch es steht nach wie vor das Problem mit den völlig unangemessen erhöhten Gehältern. Noch vor unserer Abreise nach Deutschland gab es unzählige Meetings und man hatte sich tatsächlich auf einen Kompromiss geeinigt, der dann aber bei der Gehaltszahlung Ende November nicht umgesetzt wurde....
Hier werden nach und nach die Mangos reif. Wir haben schon reichlich gegessen, es ist wirklich ein Genuss. Statt Glühwein zum Jahresende schmeckt auch Mangosaft mit Schuss...
Wir haben jetzt angenehme Wohlfühltemperaturen, etwas über 30°, es ist nicht mehr ganz so stechend heiß wie vor unserer Abreise, doch dafür ziemlich schwül. Allerdings ist der erwartete Regen in den letzten Tagen ausgeblieben, es brauen sich immer mal ein paar Wolken zusammen, doch es fällt kein Tropfen.
Ich komme mit diesem Klima ganz gut zurecht, Peter mag es ja lieber etwas kälter. Der kurz erlebte heftige Winter in Deutschland hat mir völlig ausgereicht.

B.

Dienstag, 9. November 2010

Hitze und Feuer

Über die unglaubliche Hitze jetzt im “afrikanischen Winter” habe ich ja schon gejammert- sie macht uns, vor allem mir, wirklich zu schaffen. Beate kommt damit ganz gut zurecht. Bis etwa 9 Uhr vormittags geht es noch. Danach wird es heiß und heißer, gegen 14 Uhr kann man sich nicht mehr in der Sonne aufhalten. Der Boden glüht förmlich und jedes Lüftchen ist auch heiß. Die Erde ist steinhart, alles ist vertrocknet und das Grundwasser weit abgesunken. Wenn wir jetzt mit den Rädern unterwegs sind, spätnachmittags und dann ist es immer noch heiß genug, ist die Erde überall gerissen, keine Pfütze oder Schlammloch ist zu sehen. Dafür gibt es Staub, Staub und nochmals Staub. Wir schützen uns ein wenig, indem wir von Charles morgens als erstes die Straße vor unserem Haus mit etwas Wasser bespritzen lassen. Aber die Leute in den Dörfern- sie leben eigentlich immer im Dreck: entweder ist ringsum Schlamm oder Staub. Wenn man dann noch bedenkt, dass sie weite Wege gehen, um einen Eimer oder Kanister einigermaßen sauberes Wasser nach Hause zu schleppen und das reicht dann gerade zum Essen kochen und Trinken- dann kann man sich ausrechnen, wieviel zum Waschen bleibt. Auch im Hospital wird das Wasser langsam knapp. Der Wasserspiegel ist so stark abgesunken, dass es gegen Mittag kein Wasser mehr gibt- es konnte einfach nicht genug Wasser in die Versorgungstanks gepumpt werden. Und beim Wasserholen an der Pumpe muss man schon einmal 5 Minuten warten, bis wieder genug Wasser für zwei Eimer nachgelaufen ist. Erst mit dem abendlichen Einschalten des Generators springt die Pumpe an und versorgt uns auch im Haus wieder mit Wasser.

Bei dieser Trockenheit ist es verblüffend, wenn gerade jetzt Bäume zu blühen beginnen und Früchte reif werden. Die Flammenbäume (Delonix regia) beginnen zu blühen, ein anderer, zartrosa blühender Baum ebenfalls (Name wird nachgeliefert) und auch die duftenden Franchipanibäume sind über und über voll mit Blüten. Die Mango werden immer größer, Zitronen wachsen sogar bei uns im Garten und Papayas gibt es schon seit Monaten. Letztere sind so frisch vom Baum wirklich ein Genuss und mit den Früchten in den Obstabteilungen der Supermärkte in Deutschland nicht zu vergleichen- einen Vorteil müssen wir auch haben.

Als wenn die Hitze nicht schon genug wäre- ringsum wird jetzt beinahe täglich das trockene Gras abgebrannt, in der vergangenen Woche hat es unseren compound betroffen. Plötzlich waren am Nachmittag ringsum meterhohe Flammen und mein erster Gedanke war unser Diesellager. Im vergangenen Jahr wäre es bei dieser Gelegenheit beinahe in die Luft geflogen und es hatte wohl einiger Anstrengungen bedurft, um eine Katastrophe zu verhindern.

Auf Feuerwacht mit Tischler und Feuermeister Mr. Lyabonga

In diesem Jahr hatte ich vorsorglich einen Sicherheitsstreifen hauen lassen und es war richtig schön zu sehen, wie die Feuerwand bis zu diesem Streifen vorrückte, das Feuer nur noch weiterglimmte und mühelos ausgeschlagen werden konnte. Rings um unser Haus/Garten brannte es ebenfalls lichterloh- es war schon ziemlich dramatisch, aber nicht unbedingt gefährlich, wie Beate es empfunden hat, an der Grundstücksgrenze war Schluss.

Am Garten"zaun" war zum Glück Schluss


Ein paar tragische Momente gab es dennoch: in unserem Garten lebte seit ein paar Tagen eine Katzenmutter mit ihren drei kleinen Kätzchen. Sie waren zwar scheu, aber es war immer ganz unterhaltsam, ihnen beim Spielen zuzusehen. Die Jungen haben ein Versteck gesucht und dann ist das Feuer über sie weggegangen. Das war`s dann.

In der Nähe unseres Gartens steht ein alter, hoher Baum, in dem sich in halber Höhe ein Schwarm wilder Bienen eingenistet hatte. Das Wachs ist natürlich geschmolzen und der Baum brannte und brannte- an Löschen war (8-10 Meter hoch!!) nicht zu denken. In der Nacht ist dann der obere Teil des Baumes in unseren Garten gekracht. Es ist nichts passiert, Beate hat es eine schlaflose Nacht beschert, Emma und Charles haben sich am nächsten Morgen über den großen Haufen Feuerholz gefreut. Dicht daneben war in einem anderen Baumstumpf ein weiteres Bienennest. Wir hatten uns schon immer gewundert, woher während der Mangoblüte das Summen ganz in unserer Nähe kam, konnten den Bienenschwarm aber nicht finden. Nun brannte der Stumpf ein paar Tage- schade um den schönen Honig. Das sage ich ganz bewusst, denn ich habe noch nie so aromatischen Honig gegessen wie hier in Afrika, noch ein Vorteil für uns. Der Beste kommt aus Taveta, hier ganz in der Nähe und fast ebenso guter aus Tabora. Aber das ist weit weg- eine Fahrt nach Tabora würde länger dauern als ein Flug nach Deutschland. Doch auch an diese Entfernungen haben wir uns gewöhnt, auch daran, dass irgendwann und irgendwie dieser Honig aus Tabora nach DAR kommt und man ihn irgendwo an einem Stand kaufen kann. Man muss den Stand nur finden.

P.

Tansania in drei Wochen

Drei Wochen war ich gemeinsam mit Vera Gast bei Beate und Peter. Nun erhalte ich die Ehre zu einem Gastbeitrag auf diesem Blog Tansaniaadventure.
Mein Versuch, eine strukturierte Geschichte über die Zeit in Tansania zu schreiben, will mir nicht gelingen. Vielleicht, weil Tansania keine vernünftige Struktur hat, vielleicht aber auch, weil mir die Übung fehlt. Bestimmt das Letztere. Daher die offensichtliche Willkür im Folgenden.

Habari … (Begrüßungen)

Wir mit unserem permanenten Drang zur Beschleunigung scheitern in Tansania schon bei der gegenseitigen Begrüßung. Bei mir war es eine einfache Frage nach dem Weg zum Bahnhof. Irritiert, mit Unverständnis im Blick und sehr zögerlich bekam ich mit einer Geste den Weg gewiesen. Was hatte ich falsch gemacht? In Tansania begrüßt man sich ausführlich!
Nach einer einführenden Frage nach dem Befinden, welche immer positiv beantwortet wird, kommt es zur obligatorischen gleichlautenden Gegenfrage. Diese wird – wie überraschend – natürlich ebenfalls positiv beantwortet. Dann kommen die Fragen nach Familie, Arbeit, Acker usw. Wenn dieser Dialog nach gefühlten fünf Minuten beendet ist, kommt man zum eigentlichen Thema. Das passiert uns u.a. bei einer Polizeikontrolle. Nach dem klassischen einführenden Palaver (übrigens eines der Worte aus dem Swahili, welches den Weg ins Deutsche gefunden hat) stellte der Polizist mit großer Freundlichkeit fest, dass unsere Versicherung abgelaufen sei. Nach 5 € für ihn privat und 10 € für die Versicherung konnten wir weiterfahren.
Was mir noch niemand beantworten konnte, wie funktioniert das hier mit dem Notruf? An welcher Stelle darf ich sagen, dass mein Haus brennt?

Kleiderspenden

Bisher hielt ich diese Sammelcontainer für sinnvolle Einrichtungen.Bisher!
Das Ergebnis unserer Sammlungen sind Kleiderversteigerungen auf den verschiedensten Märkten. Da stehen ca. 5 Männer auf der Ladefläche und bieten den unten stehenden Landsleuten laut durcheinander schreiend die Kleidungsstücke an. Der Höchstbietende bekommt dann das Kleidungsstück zugeworfen und weitere, zum Auktionsteam gehörende Männer, kassieren das Geld sofort ein. Wenige Meter von dieser Auktion sitzen die Verkäufer und Verkäuferinnen ohne Kunden vor ihren Geschäften. Ebenfalls daneben sitzen Näherinnen mit ihren Singer-Nähmaschinen und warten vergeblich auf Kundschaft. Mit unseren „Spenden“ aus Europa und Amerika können nicht einmal die geringen tansanischen Lohnkosten konkurrieren.
Wir Europäer zerstören auf diesem Weg die Möglichkeit zum Aufbau einer Eigenversorgung und damit den Weg zur Selbstständigkeit. Die Abhängigkeit von Europa und Amerika – die wir zu jeder Gelegenheit beklagen - zementieren wir einfach.

Kontrollierter Anbau

Nachdem wir „Teakmöbel aus kontrolliertem Anbau“ und mit dem entsprechenden Gütesiegel in Deutschland kaufen können und glauben, auch noch einen Beirag zur Industrie in Afrika geleistet zu haben, bekommt man in Tansania einen wunderbaren Einblick in die Bedeutung dieser Errungenschaft.
Kontrollierter Anbau bedeutet kontrolliertes Abholzen des Altbestandes. Kontrolle beginnt mit einer Brandrodung. Nachdem auch das letzte Tier, welches nicht rechtzeitig flüchten konnte, hier sein kontrolliertes Ende gefunden hat, werden mit fast schon deutschem Ordnungssinn in einem Abstand von 1,80 Meter die Teakbäume gesetzt. Dem so entstehenden Wald ist anzusehen, dass sich hier nicht mehr viel ansiedeln wird. Dafür ist den klaren Linien dieser Monokultur zu erkennen, dass das Einzige was hier noch Fortschritte machen wird, die Bodenerosion ist.

Sauber! oder wie der Tansanier sagen würde „Safi!“.

Hilfe für Afrika

Seit vielen Jahren fließen Millionen von Fördermitteln nach Tansania. Allein Deutschland hat seit 1962 insgesamt 1,6 Millarden EURO (€ 1.600.000.000,00) an Entwicklungshilfe überwiesen. Für die Jahre 2009 bis 2011 sind ebenfalls ca. 50 Millionen EURO Entwicklungshilfe pro Jahr zugesagt. Dazu kommen jährlich noch einmal ca. 10 Millionen EURO Budgetunterstützung.

In zwei Jahren ist Jubiläum! 50 Jahre Entwicklungshilfe für ein Land, bei dem die Entwicklungshilfe ca. 40% des Staatsbudgets ausmacht. Auch wenn das Land aus unserem Blickwinkel stabil wirkt, scheint hier die Entwicklungshilfe die regelmäßige Portion Beruhigungsmittel zu sein.

Sicher fehlt mir hier Hintergrundwissen! Aber es erscheint nicht zu funktionieren – das mit der Entwicklungshilfe. Nach 50 Jahren sollten vielleicht Mittel und Wege neu durchdacht werden.

Die tote Mutter und die Toilette

Im Krankenhaus in Lugala starb eine junge Frau. Niederschmetternd daran ist, dass die schwangere Frau und ihr ungeborenes Kind verstorben sind, weil kein Fahrzeug verfügbar war um sie rechtzeitig ins Krankenhaus zu bringen. Sie hatte seit dem Vorabend auf ein Fahrzeug gewartet. Wenige Minuten nach ihrem Eintreffen im Krankenhaus starb sie. Ursache war eine Uterusruptur. Bei der Einlieferung befand sie sich im haemorhagischen Schock. Sie hinterlässt drei kleine Kinder.

Am gleichen Morgen, kurz nach dem Tod der Frau, fuhren im Krankenhaus zwei Wagen ein. Eine Delegation des Distrikts, politische Vertreter der Division, Parteivorsitzende, der Hygienebeauftragte des Distrikts und die Polizei. Diese Delegation hatte ein gravierendes Problem zu lösen.
Eine Woche vorher wurden im Gästehaus des Krankenhauses „Staatsgäste“ beherbergt. Diese Gäste mussten tatsächlich, während sie auf der Toilette des Gästehauses saßen, auf eine mit Ölfarbe gestrichene Wand sehen. Gerade ein tansanischer Staatsgast hat das Recht auf eine 1,50m hoch gekachelte Wand zu schauen, während er auf der Toilette sitzt. Am Nachmittag kamen dann zwei weitere Staatswagen, diesmal um die Konstruktion zweier Außentoiletten abzustimmen.

Prioritäten?

Abschluss

Was auch immer in diesem Beitrag steht, Tansania ist ein wunderschönes Land. Der Boden ist fruchtbar, die Tierwelt ist reichhaltig und die Menschen sind grundsätzlich freundlich und wohlwollend.

Hallo Beate, Hallo Peter,
vielen Dank.

Uwe

Montag, 8. November 2010

Teakholz...

... aus ökologisch zertifiziertem Anbau – dieses Gütesiegel suggeriert kontrollierte Bewirtschaftung der Wälder und beruhigt das umweltbewusste Gewissen der tropenholzliebenden Konsumenten. Holzanbau und - einschlag erfolgen sicher unter als ökologisch anerkannten Kriterien, doch zu welchem Preis?

Die Realität sieht so aus:

In Mikumi verlässt man den sogenannten Tanzania-Sambia-Highway, eine stark befahrene Trasse von Dar Es Salaam nach Lusaka und erreicht nach knapp 3 Autostunden die kleine Stadt Ifakara am Ufer des Kilombero. Bis dahin führt eine überwiegend schlechte Straße mit tiefen Schlaglöchern und wenigen asphaltierten Abschnitten. Aber die Strecke ist abwechslungsreich, man fährt durch bewaldete Hügellandschaft, vorbei an Zuckerrohrplantagen und Reisfeldern, tangiert den Udzungwa Nationalpark, urwaldreiche Berge mit imposanten Wasserfällen und erlebt bunte afrikanische Vielfalt in den Dörfern entlang des Weges.

Im Gegenverkehr befinden sich nicht nur Überlandbusse, Reistransporter und Bier/Cola-LKW, sondern auch schwerbeladene Holztransporter.

Nachdem man mit der Fähre glücklich übergesetzt hat, folgen bis Lugala weitere vier Autostunden über - je nach Jahreszeit - staubige oder matschige Piste und über teilweise abenteuerliche Brücken, alles inzwischen von schweren Holztransportern ramponiert. Auch diese Strecke führt durch waldreiches Gebiet, allerdings sind vom ursprünglichen typischen Regenwald mit all seinem Artenreichtum nur noch wenige Abschnitte übrig geblieben. Den größten Teil des Weges säumen inzwischen großflächig angepflanzte und eingezäunte Teakplantagen. Dort wo diese in Reih`und Glied stehenden Bäume in den Himmel ragen, wuchs über Jahrhunderte dichter und auch während der Trockenzeit grüner Wald – und wurde abgebrannt. Riesige Flächen Wald sind verschwunden und damit auch alle dort lebenden Tiere. Der Teak“wald“ ist stumm. Die typischen Geräusche des tropischen Waldes, ein permanentes Pfeifen, Zwitschern, Zirpen, Zischen – nichts ist zu hören. Nur ein paar Affen streunen noch herum.

Die schnell wachsenden, großblätterigen Teakbäume entziehen mit ihrem enormen Wasserverbrauch dem Boden das Wasser und sorgen mit dieser Austrocknung für eine weitere Verschlechterung der ohnehin schwierigen Wasserversorgung. Man muss ja nicht gleich jeden Wald zum Nationalpark erklären und keinerlei Bewirtschaftung zulassen, doch diese großflächige Zerstörung eines intakten Ökosystems ist einfach unverantwortlich.

"Wald" ohne Leben - Teakplantage

Wie so oft, fließt viel Geld in die Taschen weniger Leute. Ein paar Tagelöhner verdienen für schwere Arbeit ein paar Schillinge und müssen dabei ihr eigenes Land ruinieren.

B.






Dienstag, 26. Oktober 2010

Die letzten Wochen im Rückblick - Besucher, Wahlkampf und andere Erlebnisse

Mitte September waren 6 Mitglieder des Lugala-Arbeitskreises, der das Hospital seit 20 Jahren engagiert unterstützt, zu Gast. Ohne diese vor allem finanzielle Hilfe wäre eine Versorgung der Patienten mit Medikamenten nicht möglich. Jetzt hatten die Besucher reichlich OP-Material, diverse Geräte u.a. einen neuen Akkuschrauber für den OP und auch einige kulinarische Köstlichkeiten für uns im Gepäck.

Unsere Hauptbeschäftigung der Tage zuvor bestand im Aufräumen, Auspacken und Sortieren. Bettwäsche, Handtücher, bestimmt tausend (!) Waschlappen aus früheren Sendungen– alles wartet seit Monaten in Kisten und Kartons auf Benutzung. Auf die Frage, warum es nicht auf den Stationen verteilt wird, bekommen wir zu hören, dass es dann verschwindet. Wird es nicht verteilt, nützt es auch niemandem, doch das ist den Nurses egal. Lieber lässt man die Dinge ungenutzt verrotten, als dass man es den wirklich Bedürftigen gönnt. Nehmen sie ein Handtuch mit in ihre Lehmhütte, dann ist der Zweck doch genauso erfüllt. Die Waschlappen verteilen wir jetzt an die vielen Mütter mit ihren Kindern, sie sind dankbar und freuen sich darüber.

Fahrten nach Dar es Salaam sind stets mit diversen Einkäufen verbunden, neben Medikamenten und Laborbedarf müssen Büromaterial, Reinigungsmittel, Ersatzteile und Verbrauchsmaterialien aller Art besorgt werden. Außerdem fährt man nie allein, es gibt immer Fahrgäste, die morgens vor der Tür stehen, diesmal hatten wir noch Patienten zur Weiterbehandlung im Muhimbili-Hospital an Bord und Reissäcke, die uns von Mitarbeitern für ihre Angehörigen in der Hauptstadt mitgegeben wurden. Die erwartete Ankunft unserer Gäste am Montagabend bot uns Gelegenheit für ein Wochenende auf Sansibar. Nach all dem täglichen Trubel ist so eine kleine Auszeit sehr erholsam, abgesehen von den ständigen sms mit Wünschen, was ganz plötzlich fehlt und wir unbedingt noch mitbringen müssten, wie Batterien, Druckerpatronen u.ä..

Während der beiden Einkaufstage in Dar hatten wir insgesamt 3 Reifenpannen, glücklicherweise beim Gästehaus der Kapuziner, unserem Stammquartier in Dar. Dort hat ein freundlicher Helfer die Reparaturen übernommen. Die bereits mehrfach geflickten Schläuche müssen einfach irgendwann mal ersetzt werden. Die klimatischen Bedingungen und Straßenverhältnisse sind schon eine besondere Härte für Mensch und Material. Auf der Fahrt nach Lugala gab es für die Gäste einen Zwischenstopp mit Besuch beim Bischof in Ifakara. Außerdem erreichte uns die Bitte, doch noch 2 neue Matratzen für das Gästehaus mitzubringen. Also wurde Strick besorgt und auf dem übervoll beladenen Auto mit reichlich Gepäck auf dem Dach fanden auch noch 2 Matratzen Platz. In Deutschland dürfte man mit einer solchen Ladung wohl keiner Verkehrskontrolle begegnen.

An den folgenden Tagen haben sich die Besucher- Pfarrer, medizinisches Personal und ein Verwaltungsfachmann - ihr Betätigungsfeld im Hospital gesucht. Das 20 jährige Bestehen der Partnerschaft wurde mit einem bunten Abend mit vielen Bildern aus den vergangenen Jahren, gegenseitigen Geschenken, mit Cola, Brause und Erdnüssen unterhaltsam und würdig gefeiert.

Peter war dann mit der Gruppe in unserer Dispensary in Tanganyika Mazagati, die wir während der Regenzeit schon einmal besucht hatten. Dort mussten unbedingt Reparaturen an den Gebäuden vorgenommen werden, die nur jetzt zur Trockenzeit möglich sind. Keiner hat sich bei diesem Arbeitseinsatz geschont und das Gebäude erhielt neben den notwendigen Reparaturen vor allem eine Grundreinigung und frische Farbe – so ordentlich hat es wohl noch nie dort ausgesehen. Übernachtet wurde in Taveta. So verband dieser dreitägige Ausflug tief in den afrikanischen Busch das Angenehme mit dem Nützlichen.

Während dieser Zeit hatte das Hospital (Kontroll-) Besuch der Chefärztin des Distrikts, einen Tag später kam die Gesundheitsministerin, denn es ist Wahlkampf. Diese Gelegenheit sollte genutzt werden, um einmal mehr die Bedeutung des Hospitals herauszustellen. Die prekäre finanzielle Situation hat ihre Ursache auch darin, dass die Regierung nur Personal für ein 60- Betten-Krankenhaus anerkennt und nur dafür Gehälter zahlt. Im Laufe der Jahre ist die Bettenzahl auf das Doppelte gestiegen, zeitweise reichen auch diese nicht aus und natürlich ist mehr Personal als in den Anfangsjahren beschäftigt. Außerdem werden jährlich 15000 Patienten ambulant betreut. Somit ist die Einrichtung ein von der Bevölkerung hochfrequentiertes ländliches Krankenhaus und garantiert eine medizinische Grundversorgung für über 100000 Einwohner. Trotzdem hat es nicht den Status eines Distriktkrankenhauses, für welches mehr Personal bezahlt wird, denn dieses gibt es in Mahenge, ca. 6 Autostunden entfernt, für viele Menschen zur Regenzeit quasi nicht erreichbar. Die Ministerin nahm es zur Kenntnis, mehr nicht. Erfolg bleibt also fraglich, vielleicht dazu an anderer Stelle mehr. Jedenfalls musste für den hohen Besuch das Gästehaus komplett geräumt werden, gut dass es mit dem Ausflug unserer Lugala-Arbeitskreis-Gäste zeitlich geradeso klappte. Katharina und Kurt, zwei deutsche Studenten, die im Hospital ein Praktikum absolviert haben, mussten ebenfalls ausziehen. Die beiden habe ich kurzerhand bei uns einquartiert, so war ich wenigstens nicht allein und während unserer nachfolgenden Abwesenheit hat jemand das Haus bewohnt.

Der Verabschiedung der Lugala-Arbeitskreis-Besucher in Dar folgte die Begrüßung unserer privaten Gäste: Vera und Uwe. Die beiden durften dann auch gleich den msd-Einkauf erdulden, bevor der „Erlebnisurlaub“ am nächsten Morgen beginnen sollte. Wir hatten die Hauptstadt gerade verlassen, als plötzlich ein Stein durch die Windschutzscheibe fliegt. Doch Glück im Unglück: es gab keinen Personenschaden und dank Sonnenbrille ging auch nichts in`s Auge. Die Leute erzählten, dieser Verwirrte wirft öfter Steine….

Glück im Unglück

Mit Rollenpflaster wird der Rest notdürftig zusammengehalten, in der Toyota-Werkstatt eine Ersatzscheibe eingebaut, eine neue muss aus Südafrika beschafft werden. Auf dem Gelände der Werkstatt hörten wir ein eindeutiges Zischen, die nächste Reifenpanne, wie passend.

Schon auf dem Weg zu unserem abendlichen Etappenziel Mikumi begrüßen uns Giraffen und Zebras. Der Besuch im Park brachte diesmal ein besonders schönes Erlebnis: wir haben ein gerade geborenes Impalababy entdeckt und konnten beobachten, wie es immer wieder versucht, auf seinen wackeligen Beinen zu stehen – und es doch noch nicht schafft, allerliebst!

Noch keine Stunde auf der Welt

Am nächsten Morgen macht uns der Lodge-Inhaber freundlicherweise auf einen platten Reifen aufmerksam, Nr.5. Wir hatten uns dort ohnehin mit einem nach Dar fahrenden SolidarMed –Mitarbeiter verabredet, also übernimmt dessen Fahrer für uns die Reparatur und kauft neue Schläuche, wir erledigen in der Zwischenzeit unsere Formalitäten. Die Tagesetappe ist außerdem nur kurz, unser Ziel sind die Udzungwa-Berge. Eine Tageswanderung führt uns durch schattigen Urwald zu den Sanje-Wasserfällen, von den dort lebenden kleineren Buschelefanten sehen wir allerdings nur die Hinterlassenschaften.








Erfrischung im Urwald an den Sanje-Wasserfällen, 170 m hoch, jetzt in der Trockenzeit nur wenig Wasser

Die Weiterfahrt nach Lugala verläuft ohne Zwischenfälle, keine Reifenpanne, auch die Fähre ist intakt. Schon bei unserer Ankunft nehmen wir einen merkwürdigen und doch eindeutigen Geruch war und wir vermuten ein verwesendes Tier im angrenzenden Feld. Beim Wäsche aufhängen am nächsten Tag bemerke ich ein buntes Tuch im Baum hinter dem Garten. Bei näherem Hinsehen bestätigt sich die Vermutung, dass dort jemand ist und ich denke kurz, jetzt werden wir auch noch von dieser Seite beobachtet – die Leute stehen sonst nur auf der Straße vor dem Haus und gucken – aber er bewegt sich nicht. Peter geht näher und meint, dort hängt jemand. Wir holen Peter Hellmold und benachrichtigen Polisi Steven. Man weiß inzwischen, dass es ein seit 4 Tagen vermisster Patient war. Er muss von seinen Verwandten identifiziert werden und soll, da man ihn nicht mehr in die Leichenhalle transportieren kann, solange dort hängen bleiben. Die Familie wohnt 40 km weg, das bedeutet: Hängenbleiben bis zum nächsten Tag. Mit dieser Gewissheit und dem immer stärker werdenden Gestank ist es keine angenehme Nacht. Am Sonntag kommen die Angehörigen und schaufeln direkt unter ihm ein Grab, eine andere Bestattung war nicht mehr möglich. Charles meldet sich am Montag krank, er hat sicher nicht verkraftet, dass er sich im Garten beschäftigt hat, ohne etwas zu bemerken.

In der folgenden Woche sortiere ich mit Vera Bücher für die Bibliothek, Uwe widmet sich den virenverseuchten Computern unseres „Internetcafés“. Zeit für Fahrradtouren, Ausflüge nach Malinyi, Biro oder zum Furua und Lesen bleibt für die beiden natürlich auch.

Auf dem Weg nach Biro

Die geplante Fahrt mit der TAZARA zurück nach Dar fällt leider aus, die angekündigten 14 h Verspätung, es können durchaus noch mehr werden, sind auch für tanzanische Verhältnisse ein bisschen viel. Außerdem erwartete uns dann eine Nachtfahrt und das heiße, staubige Ifakara ist nicht gerade eine attraktive Metropole, um sich dort die Zeit zu vertreiben. So fahren wir gemeinsam mit Kuandika im Auto in die Hauptstadt, er kauft diverse Ersatzteile für Hospitalfahrzeug, Traktor und Generator sowie zwei neue Reifen für unser Auto, damit wir für die nächste Regenzeit gerüstet sind. Wir gönnen uns ein Eis, für uns inzwischen Luxus, den es außerhalb der großen Städte nicht gibt. Für Kuandika war es das erste Eis seines Lebens.

Gemeinsam mit Vera und Uwe verbringen wir eine Woche in einer Strandlodge bei Pangani am Indischen Ozean. Ein Ausflug führt uns nach Tanga, drittgrößte Hafenstadt in Ostafrika mit deutscher Geschichte, morbidem Charme und angenehmer Athmosphäre. Wir werden dort bestimmt noch einmal hinfahren.

Ehemaliges dt. Krankenhaus - dank Spendengeld aus Deutschland mit neuem Dach vor dem Verfall gerettet, doch wird es weiter ungenutzt bleiben müssen








Für uns ist dies die erste komplette Urlaubswoche seit 7 Monaten. Dabei erreichen uns die obligatorischen sms, was aus Dar noch alles mitzubringen sei. So begeben wir uns nach der Verabschiedung am Flughafen wieder auf Einkaufstour, wollen die beim letzten Mal nicht vorrätigen Medikamente besorgen, die es leider auch diesmal nicht gibt und brechen wieder nach Lugala auf. Unterwegs haben wir den nunmehr 6. Platten, diesmal im Busch. Es reicht. Freundliche Helfer bugsieren das kaputte Rad auf`s Dach und wir erreichen Lugala noch vor Einbruch der Dunkelheit. Das Haus ist total verstaubt, so hat Emma am Montag reichlich zu tun.

Es wird von Tag zu Tag heißer, das Thermometer im Haus zeigt jetzt 35 Grad, alles ist vertrocknet und der Staub lästig. Einmal Regen wäre jetzt nicht schlecht, darauf müssen wir noch bis Ende November warten.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Ein Scheck unterwegs

Am Ende eines jeden Quartals muss unsere Internetgebühr bezahlt werden, etwas über eine halbe Mio. Schilling. Das ist viel Geld, nicht nur für unser von Finanzsorgen geplagtes Hospital- aber der Anbieter in Arusha ist Monopolist, bestimmt die Preise und ist nicht gerade kundenfreundlich. Das Hospital hat bei der National Mikrofinance Bank (NMB) ein Konto, online-Banking wird nicht angeboten, so erfolgt die Bezahlung von Rechnungen per Scheck.

Für die Bezahlung der Internetgebühr wird in Lugala ein Scheck ausgefüllt- wie immer- Dr. Hellmold und Mr. Moses unterschreiben. Der Scheck muss nun nach Ifakara gebracht werden- dafür muss man jemanden finden, der nach Ifakara fährt und den Scheck mitnimmt. Das gelingt auch, doch nach ein paar Tagen wird der Scheck wieder nach Lugala gebracht: die Unterschriften stehen nicht an der richtigen Stelle. Die vorherigen Schecks waren genauso unterschrieben- diesmal stehen die Unterschriften eben nicht an der richtigen Stelle, deshalb: ein neuer Scheck. Ein Freund unseres Fundi Kuandika will nach Ifakara fahren- Kuandika bekommt einen Umschlag mit dem neuen Scheck und soll ihn mitgeben. Einige Tage später, wir sind mittlerweile in Dar es Salaam, um Gäste des Lugala-Arbeitskreises vom Flughafen abzuholen, erhalten wir einen Anruf von Mr. Matimbwi, dem Solarstromexperten, der schon seit einigen Jahren nicht mehr im Hospital arbeitet. Er informiert uns über einen Anruf aus Arusha: es wurde noch immer kein Geld überwiesen und der Internetzugang soll gesperrt werden. Kritik wird hier nie direkt ausgesprochen, sondern immer über Umwege angebracht, in diesem Falle über den ehemaligen Mitarbeiter. Eine Nachfrage bei Kuandika: ja, ja sein Freund hat den Scheck mitgenommen. Noch eine Nachfrage: hat er den Scheck abgegeben? Nun ist der Freund per Celfon nicht zu erreichen.

Ein kleiner Einschub: am nächsten Morgen soll ein Mitarbeiter mit dem Bus nach Moshi fahren, um 50 kg Natriumchlorid und 25 kg Dextrose für die Infusionsabteilung zu kaufen. Abfahrt ist 4 Uhr in Malinyi/Lugala, dann ca. 12 Stunden bis Chalinze, übernachten, am nächsten Tag noch einmal etwa 10-12 Stunden bis Moshi. Dort am übernächsten Tag die Chemikalien einkaufen und in gleichen Etappen zurück nach Lugala, immer mit 75 kg Gepäck.

Wir erfahren, dass Kuandika den Scheck vergessen und ihn diesem Mitarbeiter mitgegeben hat. Dieser hat den Scheck dann einem Fahrgast, der in Ifakara aussteigt, weitergereicht, mit der Bitte, den Umschlag bei SolidarMed abzugeben. Ein Mitarbeiter erledigt die Bankgeschäfte für unser Hospital. Wieder eine Nachfrage: dort ist der Scheck nicht angekommen, er soll sich aber in Ifakara befinden. Wir veranlassen telefonisch, dass unser Kontrollabschnitt aus dem Scheckbuch gescannt und nach Arusha gesendet wird. Einigermaßen erfreulich ist, dass unsere Internetverbindung nicht abgeschaltet wurde. Wie alles hier, wird es erst einmal angekündigt, Taten folgen selten - weder im positiven noch im negativen Sinne. Ob der gescannte Kontrollabschnitt die Firma beruhigt hat oder das Geld überwiesen wurde, wissen wir ein paar Tage später noch immer nicht.

Wenig später erhalten wir von SolidarMed die Nachricht, dass der Scheck eingetroffen ist, bei der Bank eingereicht und nun mit den Unterschriften akzeptiert wurde. Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 2. September 2010

Neue Herausforderungen

Vor ca. 4 Wochen wurde eine vom Kreiskrankenhaus Torgau gespendete Röntgeneinheit, die einem Container beigestellt war, nach Lugala geliefert. Dieses moderne und leistungsfähige Gerät mit diversem Zubehör war in insgesamt 4 großen Holzkisten sicher verstaut und sollte nun endlich ausgepackt werden. Für solche Aktionen ist nur am Wochenende Zeit und so hatten sich am Samstag einige neugierige Helfer eingefunden. Die Kollegen der Sangerhäuser Holzbaufirma hatten schöne Kisten gezimmert und es mit dem sicheren Verschluss besonders gut gemeint. Es wurden unendlich viele Torx-Schrauben verwendet, für die zum Befestigen und Lösen ein spezielles Werkzeug benötigt wird. Wer hat so etwas im afrikanischen Busch? Natürlich der Hospitalverwalter mit seinem Akku-Bohrschrauber und den für die Torx-Schrauben passenden Bits. Der Akkuschrauber hatte schon des öfteren seine Bewunderer und in unserem versierten Hospitalfundi Kuandika einen Liebhaber gefunden. Für besondere Arbeiten bekommt er das Gerät leihweise und hatte es zwischenzeitlich schon in seinem für hiesige Verhältnisse gut ausgestatteten Werkzeugschrank einsortiert. Auch im OP wird ein solches Gerät aus einer früheren Spendenlieferung verwendet. Von diesem ist leider das Ladegerät defekt und so diente unser Gerät auch schon zum Knochen verschrauben. Für den OP erhoffen wir uns baldige Abhilfe, der Besuch einiger Lugala-Arbeitskreis-Mitglieder steht unmittelbar bevor, sie werden sicher einen Akku-Schrauber im Gepäck haben.
Die beiden Peter haben sich bei diesem Einsatz nicht geschont und damit wieder einmal Personal und Patienten beeindruckt. Leider gibt es nicht einmal ein Foto. Wir hatten vergessen, die Akkus des Fotoapparates aufzuladen und die hier erhältlichen Batterien sind schon untauglich, bevor sie überhaupt ausgepackt werden, man braucht sie also gar nicht erst zu kaufen.

Für Aufbau und Inbetriebnahme der kompletten Anlage warten wir nun auf einen Monteur aus Dar es Salaam.

Während dieser Zeit habe ich für den örtlichen Polisi Steven ein aus 50 A4- Seiten bestehendes Lehrbuch 20-fach kopiert. Unser Kopierer ist zwar ein recht komfortables Gerät, doch ohne automatischen Einzug. Jedes Blatt muss einzeln eingelegt und gewendet werden, so war das Ganze recht umständlich und zeitaufwändig. Auch so etwas ist nur am Wochenende möglich, an einem normalen Arbeitstag gleicht unser Büro einem Taubenschlag. Einen Kopierer gibt es hier natürlich weit und breit nicht, so dass dieser Büroservice ebenso wie unsere Internetverbindung in der Bibliothek gern in Anspruch genommen wird und für das Hospital eine bescheidene Einkommensquelle geworden ist.

Am Nachmittag habe ich mich als Fahrlehrer betätigt. Dem Hospital gehören 3 Motorräder, mit denen unsere Medical Officer zur Patientenbetreuung ab und zu über Land fahren. Das staatliche Programm zur Gesundheitsvorsorge sieht vor, dass auch Nurses zum so genannten outreach fahren und in den Dörfern Sprechstunden und gesundheitliche Aufklärung zu Ernährung, Säuglings- und Kinderpflege, Schutz vor HIV, Malaria usw. anbieten. Bisher wurden die Nurses mit dem Auto gefahren, Auto samt Fahrer waren damit den ganzen Tag blockiert, Patiententransporte nicht möglich. Nun haben wir für diesen Zweck ein Moped. Das steht seit einem Monat ungenutzt herum, denn keiner der Nurses kann mit diesem pikipiki fahren, jemand muss es ihnen beibringen. Ich habe mich dazu bereit erklärt und natürlich vorher selbst eine Runde gedreht, schließlich habe ich seit mehr als 25 Jahren nicht mehr auf einem Moped gesessen, höchstens als Sozius bei Jens auf seinem S50. Damals war es meine Schwalbe, diesmal eine kleine, aber wie ich finde, relativ schwere Honda 50. Das einstmals vertraute Fahrgefühl war trotz dieser langen Fahrpause schnell wieder da.

Wir hatten uns 16.00 Uhr auf dem zum Hospital gehörenden Airstrip verabredet. Natürlich kam eine gefühlte Ewigkeit niemand und ich hatte schon in Erwägung gezogen wieder zu fahren, denn mittlerweile kam ich mir vor, wie der Affe im Zoo oder besser die Giraffe im Nationalpark, vor allem unzählige Kinder bestaunten die Mzungu-Frau mit dem pikipiki. Doch dann kamen sie – Mama Chogo, Prisca und Rose – in ihren Flip Flops und bunten Kangas.

Erste Bekanntschaft mit dem Pikipiki

Trotz dieser absolut ungeeigneten Fußbekleidung konnten die drei nach kurzer Einweisung und kleiner Vorführrunde mit dem Moped fahren, das Schalten war mit den Badelatschen natürlich schwierig. Die übereinander getragenen Kangas waren hinderlich und nach kurzer Zeit abgelegt. Das wichtigste: es macht ihnen Spaß und sie möchten auch wirklich selbst fahren – mal sehen. Theoretischen Unterricht und eine Prüfung gibt es nicht. Wenn wir der Meinung sind, es kann allein losgehen, dann kaufen wir für 5000 TSh (ca. 2,70 Euro!) eine Lizenz zum Fahren für das pikipiki und los geht´s. Nun üben sie jeden Tag, jede mit unterschiedlichem Geschick – aber alle mit Turnschuhen.

Mama Chogo in Aktion

Mit Prisca bin ich die 5 km in`s Dorf sogar schon als Sozius zurückgefahren, allerdings in der hier bei den Frauen üblichen seitlichen Sitzhaltung, damit ich notfalls abspringen kann… Heute Nachmittag geht es weiter.

Rose mit Freude am Fahren

Rose war die eifrigste, fuhr jeden Tag ein paar Runden auf dem Hospitalgelände, hat sichtlich viel Freude am Fahren und war eine Woche nach der ersten Fahrstunde allein über Land unterwegs. Der Radius beschränkte sich natürlich erst einmal auf 5 km, doch dieses Ereignis war hier schon etwas Besonderes und Rose zu recht stolz auf sich.