Donnerstag, 17. Februar 2011

Imprest

Wenn irgend etwas gekauft, repariert oder angefertigt werden muss, müssen wir unsere Handwerker, Angestellten oder den Fahrer als Mittler bemühen. Natürlich könnte man selbst nach Handwerkerleistungen oder „Dingen des täglichen Bedarfs“ fragen, aber wir sind nun einmal “wazungu“ und für uns gelten beim Einkauf oder für Dienstleistungen andere Preise – Weiße sind per se reich. Auf jeden Fall wird dann zuerst nach „imprest“ gefragt. Niemand hat hier genug Geld, um eine Leistung oder Ware vorfinanzieren zu können und braucht deshalb einen Vorschuss. Da es keine Festpreise gibt, wird jeder Vorschuss zur Verhandlungssache. Bei diesen Gesprächen erlebt man dann ein seltsames Phänomen: Wenn es um ihr eigenes Geld geht, rechnen die Angestellten mit jedem Pfennig. Da kann es schon einmal passieren, dass eine nurse bei der Gehaltszahlung vorrechnet, durch das erforderliche Auf- und Abrunden würde sie in drei Monaten knapp 500 Schilling (das sind etwa 25 Cent) verlieren. Eine Lohndifferenz von 1000Tsh wird mit Sicherheit bei der nächsten Lohnzahlung nachgefordert. Handelt es sich aber um das Geld des Hospitals- dann kennt die Großzügigkeit keine Grenzen. Die beantragten Vorschüsse sind oft einfach absurd. Da werden zum Beispiel, wie bereits erwähnt, für die Anfertigung von zwei Stühlen schon einmal 2kg Nägel und 2kg Lack aufgeschrieben, für den Bau einer kleinen Abwassergrube 1000 Ziegelsteine oder für 7 Fuhren Feuerholz 105 Liter Diesel (damit könnte man bis Dar es Salaam und noch ein Stück weiter fahren!!). Es gibt – wie immer- mehrere Gründe für diese in unseren Augen unverständlichen Forderungen.

Es ist, und das erlebt man auch in Deutschland, immer leicht, fremdes Geld auszugeben- wie das Sprichwort sagt: mit einem fremden Arsch kann man gut durchs Feuer gehen. Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass der Prinzipal der nursing school sich für die Tür zu seinem Arbeitszimmer eine teure Designer-Türdrückergarnitur wünscht, die das 3-4 fache einer normalen kostet. Es ist nicht sein Geld- privat würde er sie niemals!! kaufen oder auch nur an einen Kauf denken. In der Vergangenheit hat sich nie jemand die Mühe gemacht nachzuprüfen, ob die beantragten Mengen auch wirklich gebraucht wurden. Um auf die Abwassergrube zurückzukommen: als wir in Lugala ankamen, lag neben jeder der in den letzten Jahren gebauten Gruben ein Haufen Ziegelsteine. Es wurden eben irgendwann einmal 1000 Steine bestellt, 700 wurden verbaut und der Rest blieb liegen und irgendwann war er überwachsen oder zerfallen. Niemand hat gesagt: 700 Steine reichen aus, diese Rückmeldung war auch nicht ausdrücklich verlangt worden und der leitende Arzt hatte mit Sicherheit anderes zu tun, als sich um den Bau von Abwassergruben zu kümmern. Doch es ist immer noch schwierig, den Bestellern die wirklich benötigte Menge klarzumachen und in Bezug auf die Steine hat das auch nur dann funktioniert, nachdem ich an einer Mauer gezeigt habe, wieviel man mit 1000 Ziegeln bauen kann. Die vielen herumliegenden Steine haben wir dann übrigens bei einer neuen Grube und in den Fußboden eines ganzen Hauses verbaut- und es waren immer noch welche übrig.

Anders ist es mit den schon erwähnten Nägeln, mit Farbe, Stiften, Batterien oder anderen Kleinigkeiten, die immer in großen Mengen angefordert werden. Soviel kann unmöglich verbraucht werden und mir fällt bei diesen Bestellungen immer ein Spruch aus der DDR ein: aus unseren Betrieben ist noch viel mehr herauszuholen. Was dann ja auch gemacht wurde- ich war da keine Ausnahme. Oder man einigt sich hier mit dem Verkäufer (der natürlich die volle Summe als erhalten quittiert) und teilt den Überschuss. So funktioniert das bei der Materialbeschaffung und wir haben den großen Vorteil, dass wir in unserem früheren Leben in einem sozialistischen System aufgewachsen sind und uns die Tricks und Beweggründe noch einigermaßen vertraut sind.
Bei „imprest“ werden aber auch gleichzeitig die Entlohnungen verhandelt und dabei wird es dann richtig spannend. Der Vorschussempfänger wird nämlich für den Auftrag cash worker anheuern und jeder Schilling, den er mehr raushandelt, ist sein Verdienst. Es gilt also abzuwägen: wie qualifiziert ist die Arbeit, wie ist der normale Tageslohn dafür und wieviel Zeit muss für die Erledigung veranschlagt werden. Um wieder bei unserer Abwassergrube zu bleiben: für den Bau der Grube wurden 100.000 Tsh aufgeschrieben. Das entspricht dem Monatsverdienst eines ungelernten Arbeiters - die geforderte Summe dem Arbeitslohn für 20 Tage. Man muss also vorrechnen, dass der Tagesverdienst 5.000 Tsh beträgt, ungefähr die für den Bau erforderliche Zeit erfragen und dann wird die Summe festgesetzt, plus einer Zugabe, denn irgendwie müssen am Ende alle Beteiligten zufrieden sein. Der gerade im Bau befindliche neue Fahrradunterstand ist ein weiteres Beispiel. Der alte war mehr als baufällig und die erste Imprestforderung für den Neubau betrug etwas über 1.6 Millionen. Eine aufwändige Dachkonstruktion, alles neu- wie gesagt: fremdes Geld spielt keine Rolle. Wir haben uns dann nach einigen Gesprächen auf eine einfachere Variante geeinigt und auch darauf, dass das Altmaterial wieder verwendet wird. Jetzt kostet der Bau knapp 200.000 Tsh. Erschwerend kommt hinzu, dass die Preise innerhalb des letzten Jahres um 20- 25 Prozent gestiegen sind. Bei unserer Ankunft kostete der Liter Diesel 1.600 Tsh, jetzt sind es 2.000 Tsh, der Preis für einen Sack Zement ist von 1.200 Tsh auf 1.500 Tsh gestiegen; auch diese Inflation muss natürlich berücksichtigt werden.
Bei diesen „Verhandlungen“, auch wenn Aufträge direkt an cash worker vergeben werden sollen, fällt auf, dass es für viele Einheimische oft schwierig ist, bestimmte Sachverhalte abstrakt zu sehen und auch die Konsequenzen zu bedenken. Wieder das Beispiel Grube: ich kann demonstrieren, wieviel Mauer man mit 1000 Ziegelsteinen mauern kann- beim Übertragen auf eine Mantelfläche wird es dann schon ausgesprochen schwierig. Oder wenn eine Mülldeponie vorbereitet werden soll. Dazu muss eine große Grube vorbereitet werden (wenn ich das bisher geschriebene lese: man könnte glauben, hier werden laufend Gruben ausgehoben...) dafür sind 500.000 Tsh veranschlagt. Das ist richtig viel Geld und die 2-3 beschäftigten Arbeiter können mit diesem Projekt gut verdienen. Sie werden dafür nicht einmal 4 Wochen brauchen. Zwei zuvor angesprochene Arbeiter wollten 1,2 Millionen Tsh, eine Summe, die sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen können. Aber für das gebotene Geld arbeiten sie nicht und sitzen weiterhin zu Hause, ohne jeglichen Verdienst.

Das alles soll eigentlich nur einmal veranschaulichen, wie der tägliche Arbeitsablauf oft verkompliziert wird, dass es oft „interkulturelle Probleme“ gibt. Aber wir haben in dem einen Jahr hier auch gemerkt, dass man unmöglich unsere Welt mit der Welt der Einheimischen vergleichen und noch weniger übertragen kann. Vielleicht ist das auch gut so, denn es wäre doch schlimm, wenn am deutschen Wesen die ganze Welt genesen sollte.

P.



Mittwoch, 16. Februar 2011

Fehlstart

Über den Ärger mit unseren defekten Geräten hatte ich schon berichtet, die Reparatur des Kopierers war richtig teuer und auf unseren Charger für die Solaranlage, den wir vor 4 Wochen in Dar es Salaam abgegeben haben, warten wir noch immer. Während der abendlichen Generatorlaufzeit können die Batterien nicht aufgeladen werden und der Sonnenstrom reicht tagsüber nicht aus, alle Geräte zu versorgen. Seitdem müssen wir mit permanenten Stromnetzzusammenbrüchen leben. Für den OP-Trakt gibt es jetzt einen sparsamen kleinen Generator, den wir extra für diesen Zweck als Notstromaggregat von Peters privater Spende in Dar es Salaam gekauft haben.

Auf der Fahrt dorthin ereilte uns die schon fast obligatorische Reifenpanne, allerdings diesmal nicht nur mit Plattfuß sondern total zerfetztem Reifen, der erst im Oktober letzten Jahres neu gekauft war. Mit dem Ersatzrad kamen wir glücklicherweise ohne Zwischenfall bis Morogoro. Den Ernstfall mit weiterer Untewegs-Panne möchte ich mir gar nicht vorstellen, hier gibt es schließlich keinen ADAC, auf den man warten kann...

Keine Qualität: Reifen aus Ostafrika

Wie immer war unsere Einkaufs- und Erledigungsliste sehr lang und diesmal stand auch ein Bankbesuch auf dem Programm. Es soll möglich sein, für unser Bankkonto einen online-Zugang zu bekommen, mit welchem wir immerhin unseren Kontostand abrufen können – mehr geht sowieso nicht. Die SOLIDARMED-Chefin ist öfter in Dar, hatte diesen Zugang schon beantragt, eine Bestätigung mit Passwort für das erste Login auch erhalten, funktioniert hat es nicht. Das Bankgebäude war schnell gefunden, die eisgekühlten Glaspaläste sind schließlich nicht zu übersehen. Wir vermuteten den benannten Mitarbeiter in einer der oberen Etagen oder wenigstens in einem separaten Büro. Aber er saß mitten in der Schalterhalle, wie alle anderen „Kundenberater“ umringt von unzähligen Kunden, die ihm alle irgendwelche Zettel vor die Nase hielten und zuerst bedient werden wollten. Es herrschte die unglaublichste Drängelei und Unordnung, die man sich in einem Bankgebäude einfach nicht vorstellen kann und die so gar nicht zu den eher zurückhaltenden Tanzaniern passt. Das Drängeln überließ ich Peter, irgendwann erhielt er einen aktuellen Kontoauszug, ein Formular mit einer weiteren Unterschrift und das Versprechen, dass der online-Zugang in den nächsten 3-4 Tagen freigeschaltet wird. Unser Berater klang sehr überzeugend und trotz fast einem Jahr Tanzania-Erfahrung glaubten wir ihm – es funktioniert bis heute nicht.


Die Trockenzeit war bzw. ist diesmal sehr lang und der Wasserspiegel weit abgesunken, was bedeutet, dass schon morgens kein Wasser mehr aus der Leitung kommt und nur die Pumpe bleibt. Für den Hospitalbetrieb wird natürlich auch Wasser benötigt und wir müssen ab und zu auf teuren Generatorbetrieb umschalten, um unsere Wasserpumpe in Gang zu setzen, die übrigens auch Ersatzteile brauchte. Wird Infusionslösung hergestellt, muss die Wasserversorgung ebenfalls gesichert werden. Letzte Woche bat der Mitarbeiter, den Generator anzustellen, für die benötigte Menge Wasser braucht er ungefähr 5h. Leider fiel genau in diese Zeit seine Pause und er ist erst einmal für über eine Stunde zum Lunch verschwunden.
Keiner hier begreift, dass fließendes Wasser und Strom etwas Besonderes sind. Man weiß, dass es schon vormittags kein Wasser mehr gibt, dreht die Hähne trotzdem bis zum Anschlag und wenn das Wasser wieder fließt, muss sich erst einmal jemand finden, der die Hähne wieder zudreht. Emma und Charles bilden da übrigens keine Ausnahme. In einem Stationszimmer der Schwestern war ein Wasserhahn überdreht, ließ sich also gar nicht mehr schließen. Und es störte niemanden, dass das Wasser unaufhörlich weiter lief, wenn der Generator angestellt wurde, auch das Licht brennt dann tagsüber in allen Räumen. Selbst unsere so umsichtige Matron verlor darüber kein Wort, sie haben dafür einfach kein Gespür.

Anfang Februar nahmen für 3 Tage die Auditoren das Hospital unter die Lupe. Ihr Urteil war nicht gerade berauschend, für mich aber nicht unerwartet. Nachdem feststand, dass Njaala zum Studium geht, nahm im Juli des vergangenen Jahres unser junger unerfahrener Buchhalter seine Arbeit auf und zu diesem Zeitpunkt wurde auch das von SOLIDARMED favorisierte Buchhaltungsprogramm eingeführt. Zwar gab es umfangreiche Unterstützung von deren versiertem Buchhalter und bei Nachfragen hörten wir stets ein hakuna shida Dr. (kein Problem) doch ganz so war es eben nicht. Jedenfalls gab es einige Abweichungen der Buchungen von den Papierbelegen, die auch nicht unbedingt vollständig erfasst waren, was bei seiner losen Zettelwirtschaft allerdings nicht verwundert. Es war natürlich unsere Dummheit, das Jahr 2010 nicht als Testlauf zu deklarieren, bei der Einführung neuer Software gibt es schließlich immer Schwierigkeiten. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Doch so ein Ergebnis wird hier schnell abgehakt. Alle schauen nach vorn und nächstes Jahr wird es besser.

B.







Mittwoch, 26. Januar 2011

Fahrt nach Makambako

Die Fahrt nach Makambako führte uns erstmals ab dem Abzweig in Mikumi nicht Richtung Dar es Salaam sondern auf dem sogenannten Tan-Zam-Highway ebensoweit nach Süden durch wunderschöne Berglandschaft. Die Straße wird gegenwärtig mit dänischer Hilfe instandgesetzt und man wechselt zwischen Abschnitten, die die Bezeichnung Schnellstraße verdienen und Knüppeldamm. Interessant zu beobachten ist der Abbau des Straßenbaumaterials. In Tanzania ist man ja nicht gerade zimperlich beim Fällen großer, alter Bäume, sei es als Feuerholz oder zum Brennen von Ziegeln, doch Baobabs werden verschont und bleiben auf Inseln stehen. Zum Verbrennen wären sie allerdings auch ungeeignet, denn der weiche Stamm der Affenbrotbäume ist wie ein Schwamm und kann große Mengen Wasser speichern, die ihm das Überleben in der Trockenzeit sichern. Für viele Einheimische gelten die Bäume als heilig, wofür es natürlich eine Geschichte gibt.


Baobab oder Affenbrotbäume - genießen Respekt und werden nicht gefällt

Makambako ist eine eher unbedeutende Kleinstadt und verdankt seine Bekanntheit wohl nur der Tatsache, dass sie an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt liegt, hier kreuzen Eisenbahn (TAZARA) und Schnellstraße (Tan-Zam), beides Richtung Zambia. (das z in Kiswahili als stimmhaftes s). Wir hatten uns telefonisch mit Kuandika verabredet. Es passte gut, er war gerade im Jahresurlaub zu Hause bei seiner Familie, nur ca. 5 Busstunden von Makambako entfernt und war auf dem Wege, sich ein Bahnticket bis Ifakara zu kaufen. Nach Besichtigung der kompletten Fracht hat Kuandika für einen kleinen LKW den Preis ausgehandelt, mit diesem wurden die große Kiste mit dem Narkosegerät, die sperrigen Krankenhausbetten mit den Matratzen und Rollstühle transportiert. Alle kleineren Kartons konnten in unserem Auto verstaut werden. Da Kuandika den Lorry nach Lugala begleitete, haben wir uns für die Rückfahrt 2 Tage Zeit gelassen. Einen Zwischenstop gab es für uns im ca. 1600m hoch gelegenen kühlen Iringa, und einen weiteren in den Udzungwa-Bergen. Iringa gilt als Tor zum südlichen Hochland und ist eine geschäftige Stadt mit fruchtbarem Umland. Schon in den 1930-er Jahren wurde Tabak angebaut und aus dieser Zeit stammen eine heute noch Tabak verarbeitende Fabrik und ein paar sehr schöne alte Gebäude, die allerdings ihre beste Zeit längst hinter sich haben. Neben dem Tabak gibt es Unmengen von Zwiebeln und Tomaten, man könnte denken, von hier aus wird das ganze Land versorgt. In einer Konservenfabrik werden Tomaten- und Chillisaucen hergestellt, die als die besten Ostafrikas gelten. Mag sein.

Natürlich haben wir uns unterwegs bei Kuandika nach den Umständen der Fahrt erkundigt und müssen erfahren, dass es nach einem Achsenbruch, der hier bei den klapprigen Fahrzeugen auf schlechten Straßen zur Normalität gehört, eine längere Zwangspause gab. Letztendlich kamen wir fast zeitgleich in Lugala an.

Die Betten sind inzwischen eine Bereicherung unserer Intensivstation, das Narkosegerät ist allerdings noch ungenutzt. Unser Anästhesist Lothi hat es hocherfreut in Empfang genommen, er hatte dieses Gerät schon bei seinem Besuch in Torgau im Einsatz erlebt. Für den zwingenden Controllcheck vor Inbetriebnahme und in festgelegtem Zyklus während des laufenden Betriebs wird u.a. Lachgas benötigt, welches in Tanzania wahrscheinlich kaum gebraucht und deshalb schwer zu beschaffen ist. Bisher war es jedenfalls in Dar es Salaam bei den üblichen Lieferanten für Arzneimittel und Krankenhausausstattung nicht erhältlich, aber man will sich dort für uns erkundigen. Große Dinge scheitern oft an kleinen Einzelheiten.

B.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Jahresbeginn

Vieles ist für uns auch nach 10 Monaten in Lugala schwer zu verstehen.

In unserer Nursing school gibt es 2 Jahrgänge mit knapp 100 Schülern, die von 2 pensionierten Lehrerinnen und dem Schulleiter, der allerdings als tanzanischer Regierungsbeamter hauptsächlich gutbezahlte Meetings besucht, unterrichtet werden. Einige Stunden werden auch von Mitarbeitern des Hospitals gegeben, das ist natürlich viel zu wenig und es werden Ausbilder benötigt. Für unsere ausgebildeten Krankenschwestern genügt eine einjährige Weiterbildung mit einer Prüfung, dann sind sie Nurse Tutor. Also wurde per Aushang gefragt, wer hierfür Interesse hat. SolidarMed übernimmt sämtliche Kosten. Noch am Silvesternachmittag wurde das HMT einberufen, die SolidarMed – Vertreterin hatte die Ausbildungsverträge einige Tage vorher allen zur Kenntnis gegeben und wir erwarteten eine schnelle Unterschriftenrunde. Eigentlich hätten wir es wissen müssen, wenn man sich einmal zum Meeting eingefunden hat, dann wird palavert. Aber das für uns Unverständlichste dabei: Die drei bekommen die Chance auf eine höhere Bildung, sämtliche Kosten, auch Unterkunft, Verpflegung, Schreibmaterial usw. werden übernommen und sie bekommen ihr Gehalt vom Hospital zu 100 % weitergezahlt. Doch statt wenigstens einem leisen Danke, kam als erstes Kritik, dass sie laut Vertrag 3 Jahre als Ausbilder in Lugala arbeiten müssen. Da fehlen einem schon mal die Worte.

Eine der drei Kandidatinnen war in den Wochen zuvor vom Schulleiter als eine Art Zeugwart eingesetzt worden. Damit hatte sie die Verantwortung für die Beschaffung von Material und Lebensmitteln und natürlich auch für die Aufzeichnung des täglichen Verbrauchs. Wir verwahren lediglich das Geld, geben es nach Anforderung des Schulleiters heraus und führen ein Cashbook. Reis, Mais und Bohnen müssen jetzt in großen Mengen eingekauft werden, für die Lagerung hatte das Hospital die großen Transportkisten der letzten Spendenlieferung bereitgestellt. Bei einigen Dingen erschien uns der Preis etwas hoch und Peter sagte beiläufig, er werde Charles fragen, wo man am günstigsten einkauft. Für die Einkäufe wurde viel Geld ausgegeben, immer mit der Maßgabe, entsprechende Quittungen oder wenigstens Unterschriften der Leute, von denen z.B. einige Säcke Reis oder Bohnen gekauft wurden, vorzulegen. Wegen ihrer bevorstehenden Abreise brachte sie nun ihre nach Belieben geführten Aufzeichnungen in unser Büro, ein Nachfolger wurde noch nicht benannt und eigentlich ist die Übergabe Angelegenheit des Schulleiters, der wie so oft nicht da war. Aber um ihr den Gefallen zu tun, haben wir gemeinsam alle Lagerräume aufgesucht - mehr als die Anzahl der Säcke feststellen konnte ich ohnehin nicht – und ich fragte, warum sie in ihren Heften nicht unterschreiben lässt, wem sie Geld für Fisch, Fleisch oder Bananen gibt. Es stimmte so vieles nicht. Ich war mir nicht sicher, ob sie es nicht besser wusste oder eben das viele Geld zu Schummeleien verleitet. Am nächsten Tag war alles irgendwie passend gemacht... Sie ließ die Bücher im Büro und auch die Schlüssel für die Lagerräume, obwohl sie ja noch ein paar Tage da war, doch verständlicherweise Zeit für ihre eigene Vorbereitung brauchte. Ich war damit einverstanden, weil in unserem Büro immer jemand ist, der den Schlüssel herausgeben kann.

Nach einem ruhigen Silvesterabend in kleiner deutscher Runde – zur Zeit weilen wieder 2 Studenten in Lugala – und einer Flasche Sekt um Mitternacht, begann der Neujahrstag mit großer Aufregung. Peter Hellmold meinte, der Schulleiter wäre da, völlig aufgelöst, er fühle seine Autorität untergraben, könne hier nicht mehr arbeiten, alles sehr theatralisch. Was war der Grund? Zunächst beklagte er sich, dass er keine Schlüssel für die Lagerräume hat. Die gebe ich sofort dankbar zurück, schließlich wollte ich sie gar nicht haben. Viel schlimmer war jedoch, dass Peter erwähnt hatte, Charles nach Preisen zu fragen. Das ginge ja nun wirklich nicht, wenn er als Schulleiter sagt, wieviel Geld z.B. für Bohnen ausgegeben wird (die Preise variieren im Laufe des Jahres sehr stark) dann könne man doch wohl von einem Gardenboy keinen anderen Preis ermitteln lassen. Vorher hatte er sich nach Charles' Qualifikation erkundigt. Dass unser Gardenboy schon oft genug eingesprungen ist, mit unserem Auto zur Mais- oder Reismühle zu fahren, weil seine Schüler morgens vor der Tür standen und klagten, sie hätten nichts zu essen, erwähnen wir in diesem Moment lieber nicht. Ein Fahrer hat hier einen sehr hohen Stellenwert und wer weiß, ob der Führerschein eines Gardenboys in seinen Augen ausreichend ist, von Schülern begleitete Säcke zur Mühle zu fahren.

Am Ende stellen immer alle fest, dass es einfach nur Missverständnisse sind und man verabschiedet sich freundlich voneinander. Natürlich bleibt er gern Schulleiter in Lugala.

In den nächsten Tagen beschäftigt mich noch immer die nursing school. Ein 4- wöchiges Praktikum in dörflichen Gesundheitsstationen für die Schüler des 1. Jahrgangs soll vorbereitet werden, d.h. für 4 Gruppen, die sich selbst versorgen, müssen die komplette Ausrüstung gekauft, u.a. Kochtöpfe, kleine Holzkohleöfchen, auf denen hier gekocht wird und Lampen, dazu Reis, Maismehl und Bohnen eingepackt werden. Geld für Tomaten, Fleisch, Fisch usw. wird mitgegeben. Eine Kalkulation gab es vorher nicht und die noch verantwortliche Nurse bittet mich, ihr zu helfen. Mir fallen sofort wieder die Bedenken des Schulleiters ein. Ich werde ganz gewiss nicht festlegen, wieviel die Schüler wann essen und übernehme nur das Rechnen. Insgesamt sind es knapp 20 Positionen, vom Maismehl bis zum Lampenöl, und nach einigen Stunden gebe ich etliche Scheine aus der Kasse.

Doch damit ist es noch immer nicht genug, die Schüler müssen an die verschiedenen Einsatzorte gebracht werden, aber unser Fahrer ist in den nächsten Tagen mit Patienten unterwegs. Also wird wieder einmal unser Auto zum Einsatz kommen und einer unserer Studenten freut sich als Fahrer über den Fahrspaß mit dem Landcruiser.


Nebenbei gibt es viele andere Ärgernisse, unser Kopierer hat den Geist aufgegeben, nach mehreren immer nur kurzzeitig erfolgreichen Instandsetzungsversuchen müssen wir ihn nächstens mit nach Dar nehmen, unsere betagte Solaranlage steigt immer öfter aus und wir müssen auf teuren Generatorbetrieb umschalten, die Mitarbeiter sind trotz enormer Gehaltserhöhung unzufrieden, weil die ausufernden allowances auf ein angemessenes Maß gestutzt werden sollen...Außerdem warteten wir jeden Tag auf die Nachricht aus Makambako, dass der Spendencontainer zur Abholung eingetroffen ist. Wir wurden informiert, dass der Container, dem unsere Kisten beigestellt waren, am 17. Dezember per LKW ab Dar unterwegs war. Der verantwortliche Mitarbeiter wurde gebeten, mit dem dortigen Pfarrer Kontakt aufzunehmen und sich nach der Ankunft des Containers zu erkundigen. Auf unsere täglichen Nachfragen gab es immer die gleiche Antwort: bado – noch nicht. Nachdem er sich am 3. Januar wieder einmal für eine Woche nach Dar für eines seiner wichtigen Meetings abgemeldet hatte, haben wir selbst angerufen und erfahren, dass die Sendung seit dem 24.Dezember in Makambako steht und dies auch telefonisch mitgeteilt wurde. Wahrscheinlich hat es den Mitarbeiter nicht interessiert, weil diesmal nichts Persönliches für ihn dabei war, beim letzten Mal war er deswegen übereifrig. Die Gemeinde lässt sich die sichere Aufbewahrung dieser Lieferungen verständlicherweise gut bezahlen, es sind mehrere Einrichtungen im Süden, für die diese Station ein Zwischenlager darstellt. Um weitere Lagergebühren zu vermeiden, sind wir am nächsten Tag nach Makambako aufgebrochen. Für uns war es eine willkommene Abwechslung, später mehr.

B.

Freitag, 31. Dezember 2010

Neujahrsgrüße

Das Jahr 2010 geht zu Ende, für alle hoffentlich mit zufriedenem Blick zurück. Für uns war es ein aufregendes und anstrengendes Jahr mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen, positiven aber auch deprimierenden und ernüchternden Erlebnissen.

Wir wünschen allen einen guten Start in`s Jahr 2011, Gesundheit, Zuversicht, Freude an neuen Herausforderungen und Kraft, die eine oder andere Hürde zu überwinden.

Wir stoßen zum Neujahr gedanklich mit euch an, begrüßen 2011 allerdings schon 2 Stunden früher.


Karibu 2011!
Karibu Tanzania!

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Selbstjustiz

Vorletzte Nacht werden wir gegen Morgen von einem wüsten Lärm geweckt. Nicht weit von unserem Haus brüllen Männer, kreischen Frauen und man hört Stockschläge. Wir denken, dass es eine Schlägerei unter Betrunkenen sein wird. Am hellen Morgen dann ein großer Auflauf und schließlich erfahren wir die Ursache für das nächtliche Getöse: 5 Personen sind in die winzige duka la dawa (Apotheke) im Dorf eingestiegen, wollten stehlen und wurden offenbar überrascht. Einen Dieb haben die Leute erwischt, die anderen konnten entkommen. Den einen haben sie mit Knüppeln totgeschlagen. Das ist hier in diesem Land durchaus gängige Praxis, aber es ist dann doch ein Unterschied, ob man in Erzählungen davon hört oder unmittelbar Zeuge wird. Den selbsternannten Rächern wird übrigens nichts geschehen: erstens gehört das zur Folklore und außerdem kann kein Richter unter mehr als 20 Knüppelaktivisten den Schuldigen herausfinden- insofern ist hier Diebstahl mit erheblichen Risiken verbunden. Niemand findet das nicht in Ordnung, das Leben geht seinen gewohnten Gang.

P.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Unser Weihnachten

Der Heiligabend- Arbeitstag endet ausgesprochen unerfreulich: gegen 16 Uhr kommt eine Nurse und erklärt uns, dass sie an ihrer Wohnung einiges auszusetzen hat. Bei Starkregen spritzt Wasser an ihre Tür, im Hof läuft das Regenwasser nur langsam ab, ein Schloss ist defekt und überhaupt ist die Wohnung für sie und ihren ganzen Hausrat (alles zusammen passt in eine Badewanne) zu klein. Ich sehe es mir an, die Mängel können behoben werden, sind aber seit Wochen bekannt und außerdem ist jetzt Freitagabend- man könnte also bis Montag warten. Nein, ihr husband würde kommen, außerdem gefällt ihr die Wohnung nicht und sie möchte eines der freien Häuser haben. Nebenbei: sie arbeitet erst seit vier Monaten bei uns und das Hospital hatte ihr sämtliche Studiengebühren bezahlt. Daraufhin lasse ich sie einfach stehen. Doch sie kommt wieder ins Büro und will sofort alles repariert haben. Nocheinmal erkläre ich ihr, dass jetzt kein Handwerker mehr da sei, aber sie meint, dann soll ich das doch machen. Darauf ist die Diskussion erst einmal zu Ende. Im darauffolgenden Gespräch mit Mama Chogo und Moses wird klar, dass es gar nicht um die Mängel am Haus geht: die Nurse suchte einfach einen Vorwand, um sich aus dem Staub machen zu können – wegen des Sponsorings muss sie laut Vertrag 3 Jahre im Hospital arbeiten. Sie ist nicht die erste, die einfach verschwindet. Wir fahren erst einmal nach Malinyi, dort hat gerade eine neue Kneipe eröffnet- für das Dorf gehobener Standard. Wir gönnen uns zusammen vier Bier und sind noch vor der Dunkelheit wieder zu Hause. Es bleibt jetzt ca. eine halbe Stunde länger hell, doch die kürzeste Nacht liegt nun schon wieder hinter uns. Wir lesen und ich versuche mich mit dem Lesen der Weihnachtsgeschichte in Stimmung zu bringen, aber es will mir nicht gelingen.

Am 1.Weihnachtsfeiertag sind wir bis nachmittags im Büro, dann ist endlich Schluss und es gibt unser Festessen auf der Gartenterrasse: Beate hat eine junge Flugente zubereitet, dazu Kartoffeln und als Nachtisch – natürlich – Mangos. Zum Radfahren ist es zu heiß. Am Abend sehen wir uns den Film „Keinohrhasen“ an, passende Unterhaltung.
Den 2.Weih
nachtsfeiertag, den es übrigens in Tanzania nicht gibt, beginnen wir mit einem ausgiebigen Frühstück, fahren dann nach Sofi Mission. Der Ort liegt ca.30km entfernt, man braucht aber fast eine Stunde mit dem Auto.

Sofi Mission

Auf einer Anhöhe liegt wunderschön die alte Missionsstation mit dem dazugehörigen Wirtschaftsgebäude sowie Schule und Krankenstation. Letztere arbeitet schon lange nicht mehr und auch von den Wirtschaftsgebäuden sind die meisten eingefallen. Aber es ist ein beeindruckender Platz. Wir wandern Richtung Berge und dann wird richtig schön.

Die Temperaturen sind wie im Hochsommer in Deutschland - wenn es denn einmal einen richtigen altdeutschen Sommer gibt - und der Wald ist wie der Hainich oder auf der Hainleite im Mai. Überall frisches Grün, die Brachystegiabäume mit frischen Blättern und überall blühen Blumen:







Orchideen, Lilien und Iris - es ist unglaublich und wir sind ganz beeindruckt.

Gerade rechtzeitig vor einem kräftigen Gewitter erreichen wir unser Auto .

Unsere vielen Mangos warten darauf verarbeitet zu werden. Also kochen wir Marmelade, die uns gut gelingt und richtig fruchtig schmeckt. Am Abend gibt es noch einmal Kino und wir lassen Weihnachten mit „Oceans 13“ unterhaltsam ausklingen.

P.