Sonntag, 26. Juni 2011

....Fortsetzung

Eine Fortsetzung sollte Peters letzter Beitrag nicht erfahren, doch die Erlebnisse meiner Rückkehr ab Dar es Salaam nach meinem Kurzaufenthalt in Deutschland passen nahtlos dazu, auch wenn es sich nicht unbedingt um Missgeschicke handelt.

Schon vor meiner Abreise nach Deutschland hatte ich eine Bahnfahrkarte von Dar nach Ifakara gekauft, von dort wollte mich Peter mit dem Auto abholen. Die Zeit zwischen Landung und Zugabfahrt war mit nicht einmal eineinhalb Stunden denkbar knapp, doch ohne zeitraubende Einreiseformalitäten, die uns mit unserem Resident-Status erspart bleiben und Taxifahrt zur Mittagsstunde mit wenig Verkehr sollte ich es schaffen. Auf eine in diesem Falle nicht unwillkommene kurze Verspätung konnte ich nicht hoffen, denn von Dar es Salaam fährt der Zug in der Regel pünktlich ab.

Tatsächlich klappte es wie gewünscht, Landung war bereits eine Viertelstunde früher. Nach zügiger Passkontrolle, einschließlich obligatorischer Fingerabdrücke der rechten und der linken Hand, musste ich nicht allzu lange auf mein Gepäck warten. Von den zahlreichen Taxifahrern wird man regelrecht bestürmt, also ging es sofort los und ich war gegen 14.00 Uhr, eine halbe Stunde vor Zugabfahrt, auf dem Bahnhof. Es machte mich sofort stutzig, dass von dem sonst üblichen Treiben der Menschenmassen mit unendlich viel Gepäck bei Ankünften oder Abfahrten (niemals am selben Tag) auf dem riesigen Vorplatz nichts zu sehen war. Auch die große Bahnhofshalle war fast leer, wie an Tagen, an denen kein Zug fährt. Mein Weg führte mich zum schwarzen Brett mit den handschriftlichen Bekanntmachungen. Dort war die Abfahrt des Zuges mit 24.00 Uhr und in Kiswahili-Zeit mit SAA 06.00 usiku angegeben, es bestand also kein Zweifel, der Zug fährt um Mitternacht. Das bedeutet 10 Stunden Verspätung. Man will so etwas ja nicht wahrhaben und ich erkundigte mich am Schalter, ob es tatsächlich stimmt. Die Zeit wurde bestätigt. Es war Dienstagnachmittag und der am Sonntagnachmittag eintreffende Zug war noch nicht einmal angekommen. Spätestens jetzt war mir bewusst, dass ich wieder in Tanzania bin.

Peter war zu dieser Zeit irgendwo zwischen Lugala und Ifakara unterwegs, also ohne telefonischen Empfang.

Mein Gepäck wurde von einem freundlichen Träger in den 1.Klasse-Warteraum gebracht, hier sollte ich mich für die nächsten Stunden auf einem abgewetzten Sessel einrichten. Der Unterschied zur „normalen“ Wartehalle besteht allein in der Größe, es ist ein viel kleinerer, fast gemütlicher Raum und es gibt separate Toiletten, was ja nicht schlecht ist. Zum Glück hatte ich reichlich zu Lesen. Mit der Zeit bilden sich Zweckgemeinschaften, man passt gegenseitig auf das Gepäck auf, leiht Handy-Ladekabel und plaudert ein bisschen.

Gegen 18.00 Uhr, also mehr als 48 Stunden verspätet, fuhr der Zug ein und es bestand Hoffnung auf die angegebene Abfahrt „pünktlich“ um Mitternacht. Wenigstens war die Verspätung so groß, dass ich in Ifakara nicht nachts, sondern morgens gegen 07. 00 Uhr ankommen sollte.

Peter war inzwischen aus dem Funkloch heraus und ich konnte ihn informieren, aber noch auf der anderen Kilombero-Seite. Seit einigen Tagen war die Fähre kaputt und so kam die alte klapprige Fähre zum Einsatz, auf der nur 2 statt 4 Fahrzeuge oder ein mittlerer LKW übersetzten können und bei der nach jedem Hin- und Herfahren erst einmal Wasser abgepumpt werden muss. Außerdem war der kürzlich in Dar es Salaam reparierte Starter des Autos wieder kaputt…

Um Mitternacht begann das Einsteigen. Dabei geht es erstaunlich geordnet zu, man muss sich einreihen und den Türsteher einzeln passieren, um auf den Bahnsteig zu gelangen. Ehe auch die Unmengen an Koffern, Säcken und Kisten verstaut waren, war eine weitere Stunde vergangen und gegen 01.00 Uhr fuhr der Zug endlich ab. In den nach Frauen und Männern getrennten Abteilen sind jeweils 4 Liegen mit Wolldecken und Bettlaken. Ich war froh, eine untere reserviert zu haben – jedenfalls bis die Frau eintrat, die das obere Bett zugewiesen bekommen hatte- eine sehr, sehr üppige Mama Afrika. Trotz ihrer unglaublichen Fülle war sie sehr behende und schnell nach oben geklettert.

Am Tage ist die Zugfahrt ein Erlebnis, man fährt fast 2 Stunden durch den Selous-Nationalpark und sieht Giraffen, Zebras, Antilopen usw. Das permanente Wippen, Schaukeln und Aufeinanderstoßen der Waggons stört nicht. Aber nachts hat man unweigerlich das beunruhigende Gefühl, der Zug würde jeden Moment aus den Gleisen springen. Doch es war spät und ich nach einer fast schlaflosen Nacht im Flugzeug einfach nur müde, so dass ich trotz wirrer Bilder von Zugentgleisungen und der Sorge über die Haltbarkeit der Pritsche mit der dicken Mama über mir eingeschlafen bin.

Nach 7 Stunden Fahrzeit erreichten wir Ifakara. Da die Bahnsteige sehr kurz sind, halten die 1. Klasse Waggons am Ende des Zuges weit außerhalb, man muss mit Sack und Pack knapp 1 m in die Tiefe springen und landet sozusagen auf dem Acker- ein Vorteil, dass ich bei Tageslicht aussteigen konnte.

Von Peter war noch nichts zu sehen, er musste erst ein Auto organisieren. Unseres sollte in Ifakara repariert werden. Motorradtaxi oder überfülltes Dalla Dalla schloss ich aus und eine halbe Stunde Warten nahm ich gern in kauf.

Der SOLIDARMED-Fahrer Thomas brachte unser Auto in eine Werkstatt und meinte, der Starter wäre spätestens mittags repariert. Nach dieser Auskunft war uns klar, dass wir eine weitere Nacht in Ifakara verbringen mussten, die Erfahrung sagt uns, schneller geht es nie, meistens dauert es viel länger als angekündigt. Das ist hier einfach so und die Frage, wie lange etwas dauert, hätten wir uns schon längst abgewöhnen sollen. Mit den mittlerweile 2-3 Stunden Wartezeiten an der Fähre würden wir Lugala bei Tageslicht nicht mehr erreichen und die inzwischen grottenschlechte Straße muss man bei Dunkelheit nicht fahren. Den Zimmerschlüssel hatte Peter vorsorglich noch gar nicht abgegeben.

An der Fähre am nächsten Morgen gab es noch immer lange Fahrzeugschlangen auf beiden Seiten. Es passiert öfter, dass die Fähre defekt ist und die alte Fähre genutzt werden muss. Diese ist aber keineswegs einsatzbereit und wird erst dann ertüchtigt, wenn die normale Fähre ausfällt. So passiert es dann schon, wie im letzten Jahr selbst erlebt, dass überhaupt kein Übersetzen möglich ist, bzw. für Fußgänger im Einbaum.

Auch diesmal gab es 2 Tage Pause. Niemand kommt hier auf die Idee, die alte Fähre einsatzbereit zu halten. Warum auch, es stört niemanden, zu warten. Die schweren Holz-, Reis- und Bierlaster konnten überhaupt nicht befördert werden. Allerdings hatte sich bei denen nach einigen Tagen doch etwas Unmut geregt.

Kleinere Fahrzeuge werden nach vorn gewunken und so waren wir nach 2 Stunden tatsächlich auf der anderen Seite des Kilombero angekommen - auf einer Fähre, die aufgrund ihres maroden Zustands eigentlich gar nicht so bezeichnet werden dürfte, mit morschen Planken, die notdürftig ausgebessert wurden und aufstehenden Nägeln, denen man kaum ausweichen kann und man die nächste Reifenpanne befürchten muss, mit einlaufendem Wasser, wobei man hofft, die Fähre kommt an, bevor sie sinkt. Diese Überfahrten sind nicht abenteuerlich sondern lebensgefährlich.

Die Fähre liegt zu tief - eingelaufenes Wasser muss abgepumpt werden, dann kann der Lorry an Land fahren

Kurz vor unserer Ankunft im letzten Jahr gab es ein Unglück, bei dem 19 Menschen ertrunken sind. So etwas nehmen die Leute zur Kenntnis, verdrängen oder vergessen es.

Ohne Worte

Ohne Zwischenfälle ging es bis Lugala und am Abend gab es Spargel, der nach 3 Tagen zwar nicht mehr taufrisch, aber für den Spargelliebhaber Peter Überraschung, große Freude und Genuss war.

B.

Samstag, 18. Juni 2011

Missgeschicke

Eigentlich sollte es ein entspanntes Wochenende in Dar es Salaam am Strand werden, aber manchmal geht einfach alles schief.
Es begann damit, dass gleich nach unserer Ankunft am TAZARA-Bahnhof aus Lugala ein Anruf kam: Monteure für ein neues Solarsystem seien unangemeldet erschienen und Kuandikas Anwesenheit ist unbedingt erforderlich. Eigentlich sollte er am nächsten Tag Ersatzteile für unsere Fahrzeuge kaufen, das musste nun ausfallen und er fuhr in aller Frühe die lange Strecke zurück zum Hospital.
Am folgenden Tag habe ich am Auto gewerkelt, dann alle Türen zugeschlagen und erst danach gemerkt, dass der Schlüssel im Fahrzeug liegt. Alle Öffnungsversuche mit einem starken Draht waren vergeblich- eher hätte ich den Türgriff abgerissen- so haben wir die Seitenfensterverriegelung aufgebrochen und das Auto von innen geöffnet. Bei dieser Gelegenheit haben wir gemerkt, dass man in 2 Minuten unser Fahrzeug aufbrechen und ausräumen kann. Ohne Lärm zu verursachen.
Wir wollten uns noch den Fischmarkt ansehen, sind rechtzeitig losgefahren und beim Schlangestehen an der Fähre (an der wir dann fast zwei Stunden warten mussten) gab der Starter den Geist auf. Anschieben ist hier gängige Praxis, aber als das Auto wieder fahrbereit war, musste alles weitere bei laufendem Motor geschehen.
In der Werkstatt der Kapuziner war der Autofundi nicht da, keiner konnte sagen, wann
er zurückkommen würde. Also sind wir zum Flughafen gefahren, Gepäck ausladen- viel war es ja nicht- und Verabschiedung von Beate und Gästen. Bei dieser Aufregung habe ich mein Parkticket verloren, hatte aber noch den Kaufbeleg. Den zeigte ich dem Posten am Schlagbaum, er akzeptierte ihn nicht und ich sollte 12.000 Strafe zahlen. Wir einigten uns schließlich auf 4000 - natürlich ohne Quittung und ich konnte ein neues Ticket ziehen.

Inzwischen hatte der Verkehr stadteinwärts zugenommen und mitten auf einer Kreuzung der Nyerere- Road geht der Motor wieder aus- ich hatte vergessen auszukuppeln. Ich gehe zum Verkehrspolizisten und schildere ihm mein Problem. Er verlangt 20.000,- für seine Hilfe, natürlich ohne Quittung, ruft ein paar Straßenverkäufer und nach dem Anschieben kann ich weiterfahren. Ich fahre noch zu einer Bank in der Uhuru-Road und dann im stockenden Verkehr zurück zu den Kapuzinern, als Linksabbieger kann man eine kleine Straße als Abkürzung nutzen. Ich ordne mich ganz links ein und- schon beim Abbiegen- überlegt sich der Fahrer eines neben mir stehenden Schwerlasters, dass er diese Abkürzung auch nehmen könnte, biegt ebenfalls links ab und schiebt mich dabei in den betonierten Wassergraben. Und fährt einfach weiter. Das Herausheben des Autos kostet 5000 Anschieben inclusive.

In der Dämmerung kommt der Autofundi, klopft mit dem Hammer auf den Starter (inzwischen haben bestimmt schon 10 Personen auf den Starter geklopft) und dann fahren wir zu einer Werkstatt. Mittlerweile ist tiefste Dunkelheit, wir kommen zur Werkstatt und kurze Zeit später ist in diesem Stadtteil Stromausfall. Die Mechaniker bauen bei Taschenlampenlicht den Starter aus, zerlegen ihn, besorgen bei einer anderen Werkstatt ein Verschleißteil und bauen den Starter wieder ein. Dies bis zum Schluss bei Taschenlampenbeleuchtung und kostet 40.000, diesmal mit Quittung. Kurz vor Mitternacht bin ich dann in meinem Zimmer in der Kapuzinerherberge und ziemlich erledigt.
Am nächsten Morgen fahre ich sehr früh Richtung Lugala und sehe bis zum Abzweig Mikumi 4!!! Lkw-Unfälle und denke: am Tag zuvor hätte es auch noch schlimmer kommen können.

P.