Montag, 23. Mai 2011

Irritationen und Ärgernisse


An dieser Stelle muss ich heute einmal gestehen, dass ich in den vergangenen Jahren in Sachen "Internet" ein unbelehrbarer Ignorant war. Zeitungen, Fernsehen und Bücher waren für mich ausreichend- ich habe da wohl etwas verschlafen. Heute möchte ich dieses Medium nicht mehr missen und kann mir absolut nicht vorstellen, wie ich früher ohne diese Möglichkeit leben konnte. Im Internet findet man auf jede Frage eine Antwort und jede Behauptung lässt sich verifizieren- es ist einfach großartig, zumal es hier im Busch unser Fenster zur Welt ist. Aber das soll nicht das Thema sein.....
Eigentlich wollte ich an dieser Stelle einmal über Ärgernisse schreiben; auch weil viele unserer Berichte doch oft so einen folkloristischen Touch haben und man versucht ist zu glauben, das Leben hier mit seinen Besonderheiten sei überwiegend absurd, aber immer irgendwie lustig......
Ich wollte zum Beispiel erzählen, dass man unterwegs mit dem Auto oft von der Polizei angehalten und abkassiert wird. 30.000 Tsh kostet es mit Quittung, 10.000 bis 20.000 Tsh ohne, ein Grund für eine Strafe findet sich immer. Doch dann ist mir eingefallen, dass ich diese Art Wegelagerei auch schon in der Slowakei und in Ungarn erlebt habe. Beide Länder gelten auch nach europäischen Maßstäben als zivilisiert und solche Erlebnisse sollten eigentlich undenkbar sein. Das ist aber offenbar nicht der Fall und deshalb will ich auch lieber nicht über die Gehaltsaufbesserungsmethoden der tanzanischen Polizei sprechen.

Ein anderes Ärgernis ist die Tatsache, dass unser Hospital dauerhaft über seine Verhältnisse lebt, das heißt: die Ausgaben sind erheblich höher als die Einnahmen. Die Ursache dafür ist, dass vor etwa zwei Jahren die Hospitalangestellten endlich mehr Geld haben wollten (ohne danach zu fragen, wo das Geld herkommen soll) und deswegen gestreikt haben. Es war vor unserer Zeit, aber es muss wohl ziemlich hoch hergegangen sein. Auch jetzt ist es noch so, dass die OP- Mannschaft, wenn sie mit der Höhe einer Extrazahlung nicht einverstanden ist, einfach die Arbeit verweigert, keinen Handschlag macht und die Patienten warten lässt. Sie sind sich bewusst, dass sie am längeren Hebel sitzen; weil sie einfach nicht so schnell- und auch auf längere Zeit – nicht zu ersetzen sind und die Hospitalverwaltung auf jeden Fall irgendwann einschwenken muss. Wir haben gleich nach unserer Ankunft und dem ersten Kassensturz auf die bedrohliche finanzielle Lage hingewiesen: haben schöne Schaubilder gezeigt, die den zu erwartenden Verbrauch des Eigenkapitals und den Zeitpunkt der Zahlungsunfähigkeit sehr eindrucksvoll dargestellt haben. Alle haben interessiert zugehört- geändert hat sich absolut nichts. Nicht eine einzige Forderung ist zurückgenommen worden. Im Gegenteil: wenn es auch nur die kleinste Chance gibt, noch ein paar Schilling aus dem Hospital zu ziehen- dann wird es versucht. Wir haben uns über die Streiks/Arbeitsniederlegungen sehr geärgert, zumal unsere staffs im Vergleich zu allen anderen Personen ringsum durchaus "Besserverdiener" sind, und wollten das einmal in einem Beitrag zum Thema machen. Glücklicherweise habe ich dann im Internet über die Streikaktionen der Lokführer in Deutschland gelesen und gedacht: eigentlich sind unsere OP-Mitarbeiter davon gar nicht so weit entfernt, da ist kein großer Unterschied..... Das war also auch keine Erwähnung wert.

Große Sorgen bereitet die drohende Zahlungsunfähigkeit des Hospitals. Wir stehen jetzt wirklich mit dem Rücken zur Wand und es hilft uns nicht weiter, wenn wir uns in unseren Voraussagen bestätigt sehen. Nun könnte man sagen: warum hat denn niemand begriffen, wo die Reise hingeht. Warum wollte niemand auf seine Vorteile verzichten, warum gab es keine Einsicht? Dann ist man schnell dabei, dies mit der speziellen Mentalität der Schwarzen zu erklären: mangelhafte Abstraktionsfähigkeiten oder fehlendes gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein. Aber dann gibt es wieder das Internet und wir lesen immer wieder Nachrichten über Länder, die schon seit Jahren über ihre Verhältnisse leben. Dort gibt es abenteuerliche Vergünstigungen und Sonderzahlungen (wie auch hier im Hospital), großzügigste Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen (wie auch hier im Hospital) und eine opulente Altersversorgung (das ist im Hospital so nicht möglich - Gott sei Dank). Diese Länder liegen aber nicht im weit entfernten Afrika oder sonstwo, sondern in Nachbarschaft zu Deutschland und alle haben zugesehen und diese Misswirtschaft geduldet.

Das Hospital wird Probleme haben, weil uns monatlich etwa 3000 Euro fehlen. Ich könnte jetzt versuchen auszurechnen, wie viele Euro den notleidenden Ländern in Europa monatlich fehlen- aber auch dort wird niemand bereit seit sein, Besitzstände aufzugeben (wie auch hier im Hospital). Noch bedrückender ist: sie können sich darauf verlassen, dass irgendwer irgendwie hilft, ganz einfach, weil es "übergeordnete Interessen" gibt. Ich kann mir nur wünschen, dass die singuläre Stellung des Hospitals in der Region auch von übergeordnetem Interesse ist und uns irgendwer irgendwie hilft. Es ist also durchaus keine tanzanische Besonderheit, wenn man permanent über seine Verhältnisse lebt und deshalb sollte ich ebenfalls nicht darüber schreiben.

Bleibt noch als Ärgernis die allgemeine, allgegenwärtige Korruption. Da wird Geld für Weiterbildungsveranstaltungen gezahlt, die nie stattgefunden haben; bei den Vorschüssen und Abrechnungen für Reisekosten müssten sich die Antragsteller eigentlich manchmal schämen, Originalrechnungen können problemlos gekauft werden, und, und, und.....Ganz besonders ärgerlich ist aus unserer Sicht die Tatsache, dass von allen Beschäftigten die allowances (also zusätzliche Zahlungen für Teilnahme an Sitzungen- sehr beliebt!!, für irgendwelche Verantwortlichkeiten, für die erstmalige Arbeitsaufnahme, für bestimmte Risiken, usw.) als Teil des Einkommens betrachtet werden, aber steuerfrei sind. Da diese Sonderzahlungen aber, besonders im staatlichen Bereich, fast so hoch wie das normale Einkommen sein können, geht dem Staat unglaublich viel Geld verloren.
Doch dann lese ich wieder im Internet, dass im vergangenem Jahr die griechischen Haushalte knapp 790 Mio Bestechungsgelder allein an den öffentlichen Bereich gezahlt haben- um die Ausstellung eines Führer- oder Fahrzeugscheins zu beschleunigen, um eine Baugenehmigung zu kaufen, die Steuererklärung manipulieren zu lassen oder was auch immer. Oder dass der Steuerabteilung nur allein in Athen 324 private swimmingpools angezeigt wurden, die Steuerfahndung aber bei einer Stichprobe aber 16.974 gezählt hat. Wenn ich mir dann noch den Korruptionsindex von transparency international ansehe, dann werde ich doch nachdenklich. Diese Skala geht bis zur Bestnote 10 (Neuseeland erreicht 9,4 und Dänemark 9,3) und dort wird Griechenland gemeinsam mit Bulgarien und Rumänien mit der Note 3,8 bewertet- dann ist der Unterschied zu Tanzania mit 2,6 gar nicht so groß. Dann denke ich mir, dass man im Glashaus nicht mit Steinen werfen sollte und verzichte auch in diesem Fall auf eine Bewertung.

Wenn ich alles zusammennehme und die Verhältnisse hier im Lande mit denen in Europa vergleiche (und da habe ich noch nicht über Umsatzsteuerbetrug in Deutschland, über die Müllmafia in Italien oder über die Vetternwirtschaft der englischen Abgeordneten nachgedacht), dann komme ich zu dem Schluss, dass ich eigentlich gar nicht über Irritationen oder Ärgernisse berichten sollte.
Am besten wäre es, diesen Beitrag als nicht geschrieben zu betrachten.

P.



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