Freitag, 29. April 2011

Vom Versuch und Erfolg eine Straßenlizenzplakette zu kaufen

Es gibt in diesem Land nur wenige Straßen, die diese Bezeichnung auch verdienen. Lediglich einige große Hauptstraßen, auf denen vor allem Schwerlastverkehr unterwegs ist, durchziehen das Land, auch die großen Städte und Touristenregionen sind auf Asphalt erreichbar. Ansonsten kommt man auf mehr oder weniger guten Pisten voran, knallt in tiefe Schlaglöcher, erstickt im Staub oder bleibt, wie jetzt zur Regenzeit, im Schlamm stecken. Der Busverkehr wird dann einfach eingestellt. Trotz dieser Widrigkeiten muss für jedes Fahrzeug eine jährliche Straßennutzungsgebühr bezahlt werden. Sicher wird ein Teil dieses Geldes tatsächlich für Instandsetzungen verwendet. Auch die Piste zwischen Ifakara und Lugala war nach einigen Reparaturen ganz passabel – bis zum Beginn des großen Regens, der etliche Abschnitte unterspült und zeitweise unpassierbar gemacht hat.
An den Baustellentafeln der Magistralen prangt in der Zeile des Finanzierers überall das blaue Logo mit den gelben Sternen...

Für die Fahrzeuge des Hospitals muss die Gebühr bei der Districtverwaltung in Morogoro bezahlt werden, ca. 8-10 h Fahrzeit. Die Erledigung derartiger Dinge wird natürlich mit ohnehin geplanten Fahrten nach Dar es Salaam verbunden. Als Nachweis für die Bezahlung erhält man eine Plakette für die Windschutzscheibe, auf der die Gültigkeit vermerkt ist. Die zahlreichen Polizisten auf dem Tan-Zam-Highway gucken gern nach abgelaufenen Plaketten. Auch für unseren Landcruiser war die Erlaubnis zur Straßenbenutzung am 31. März zu Ende. Auf unserer Fahrt nach Dar Anfang April legten wir in Morogoro einen Zwischenstopp ein, haben nach kurzem Suchen das entsprechende Gebäude gefunden. Vom Pförtner werden wir zunächst nach unserem Anliegen gefragt, nur um dann sowieso zu einem Tresen im Erdgeschoss geschickt zu werden, wo sich jeder anmelden muss, egal mit welcher Angelegenheit man kommt. Wie in allen öffentlichen Einrichtungen, so wird man auch hier von unzähligen Beschäftigten umschwärmt. Eigentlich ist Beschäftigte nicht das richtige Wort, denn beschäftigt sind sie gerade nicht, höchstens mit sich selbst.

Eine der Damen am Tresen reicht ein Formblatt herüber, auf dem wir uns mit allen möglichen Daten eintragen müssen und dürfen dann in die 2. Etage. Damit wir auf dem Weg nach oben die Zimmernummer nicht vergessen, wird sie auf einem extra dafür vorbereiteten Zettel notiert und uns in die Hand gedrückt. Im richtigen Büro angekommen blicken wir auf 4 mit Erdnüssen dekorierte Schreibtische und gelangweilte Gesichter. Wir erfahren, dass an diesem Tag leider keine Bezahlung möglich ist, da es keinen Strom gibt und somit die Computer nicht funktionieren. Wir sollten doch bitte morgen wiederkommen. Handschriftlich geht gar nichts, denn wenn man schon Computer und Drucker für die Plakette hat, dann sollen die auch zum Einsatz kommen. Dass es im Haus keinen Strom gibt, wussten die Damen im Erdgeschoss natürlich auch, doch sie haben eben nur die Aufgabe, die Leute in die entsprechenden Büros zu weisen. Uns blieb nichts weiter übrig, als unverrichteter Dinge zu gehen, uns mit abgelaufener Plakette nach Dar zu wagen und zu hoffen, dass wir auf dem Rückweg unser Geld los werden.

Wir sind übrigens unterwegs zweimal angehalten worden und mussten jeweils 10.000 Schilling (ca. 5 Euro) für unsere „Vergehen“ bezahlen, auf die Plakette haben die Polizisten dabei nicht geachtet.

Auf dem Rückweg erfolgt der 2. Versuch mit uns schon bekanntem Ablauf für den ersten Teil. Es sieht gut aus, im Erdgeschoss brennt Licht und wir beeilen uns nach oben zu gelangen. Gegen 14.00 Uhr stehen wir vor dem Tresen im 2. Obergeschoss und werden tatsächlich sofort von einem freundlichen jungen Mann begrüßt, der unsere Papiere begutachtet. Leider ist die verantwortliche Person, die festlegt, wieviel wir zu bezahlen haben, gerade nicht am Platz, es geht erst einmal nichts. Auf unsere vorsichtige Frage, ob und wann sie denn zurückkäme, meinte er, vielleicht in 15 Minuten. Diese Aussage ist hier absolut unverbindlich und kann genauso gut heißen: heute gar nicht mehr, kommt morgen wieder. Nun schilderte ich ihm sehr ausführlich, woher wir kommen, wie beschwerlich die lange Anreise gerade jetzt zur Regenzeit ist, dass wir am selben Tag noch bis Ifakara fahren müssen (dies ist der letzte Ort vor der Wildnis, den die Leute in der Stadt überhaupt kennen) und dass wir kürzlich schon einmal vergebens da waren. Er hatte offensichtlich wirklich Verständnis für unsere Situation und nach dem obligatorischen „pole“ - tut mir leid, versprach er, die Frau zu suchen. Wir waren gespannt.

Peter rannte zwischenzeitlich zum Auto, weil die Parkzeit immer nur für eine halbe Stunde bezahlt werden kann und ist man nicht pünktlich zurück, hat man sofort eine Kralle am Rad. Der junge Mann bedauerte, die Frau nicht zu finden, wir sollten uns einfach noch einen Moment gedulden. Er blätterte noch einmal sehr gewissenhaft in unseren Papieren und meinte, die alte Plakette sei nicht dabei, die müssten wir abgeben. Peter musste zwischenzeitlich ohnehin wieder nachlösen und kratzte die Plakette von der Scheibe.

Mittlerweile waren 2! Stunden vergangen und plötzlich erschien eine den Türrahmen ausfüllende, grimmig blickende Frau, die sich gemächlich zu ihrem Schreibtisch bewegte und offensichtlich nicht damit gerechnet hatte, an diesem Tag ihren Computer noch einmal anstellen zu müssen. Wir erfuhren, dass wir 200.000 Schilling zu zahlen haben – 50.000 Strafe, da wir erst nach Ablauf der Gültigkeit kamen - und dass wir dieses Geld bei der benachbarten Bank einzahlen müssen. Es war längst nach 16.00 Uhr und die Bank geschlossen. Was nun? Der junge Mann war zuversichtlich, dass man uns noch hineinlassen würde, wir waren eher skeptisch. Er begleitete uns ins Erdgeschoss, wo am Tresen erst wieder ein Formblatt auszufüllen war, auf dem u.a. angegeben werden sollte, mit welchen Banknoten man bezahlt, wir hatten 20 Zehntausender.

Die Gittertür der Bank war mit 3 dicken Vorhängeschlössern gesichert, die Haustür stand aber noch auf, so dass unser Rufen gehört wurde. Diesmal übernahm der junge Mann das Erklären, doch der Bankmitarbeiter meinte, es sei unmöglich, jetzt noch Geld einzuzahlen, die Bestände seien gezählt, die Kassen geschlossen. Sehr selbstbewusst verlangte unser Begleiter nach dem Direktor, der auch kam und mich tatsächlich einließ. Hinter mir wurde alles erst wieder verriegelt, ein bisschen komisch war es schon, auf einmal eingeschlossen zu werden. Eine Angestellte wurde angewiesen, ihre Kasse noch einmal zu öffnen, was sie mit mürrischer Mine auch tat. Nach dreimaligem Zählen der 20 Scheine von Hand und ebensooft mit dem Zählautomaten erhielt ich den Zahlungsbeleg und nach ausführlichem Bedanken ging es wieder zurück, um nun das entscheidende Stück Papier endlich zu erhalten.

Zwischenzeitlich waren ca. 30 Minuten vergangen und hätte Peter nicht das Büro „besetzt“, hätten wir sicher endgültig vor verschlossenen Türen gestanden. So aber brannte noch Licht, die Frau thronte noch hinter ihrem Schreibtisch. Sie erfüllte wirklich das Klischee der Beamtenwitze. Nun mussten nur Computer und Drucker funktionieren! Es klappte.

Der junge Mann reichte uns die Plakette mit strahlenden Augen, wie um sagen zu wollen: Wir Tanzanier können auch anders. Als erfrischende Ausnahme hat er diesen Beweis eindrucksvoll erbracht.


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