Montag, 14. März 2011

Halbzeit in Lugala

Als wir vor genau einem Jahr nach langer Reise, mit Ifakara die letzte kleinstädtische Siedlung hinter uns lassend, mit klappriger Fähre den Kilombero überquert und jenseits des Flusses über denkbar schlechte Piste immer weiter in die Wildnis fahrend, endlich in Lugala eintrafen, waren wir ehrlich erstaunt über das hohe Niveau der medizinischen Versorgung in diesem Krankenhaus, so weit abseits des zivilisierten Lebens. Das hatten wir in dieser Abgeschiedenheit nicht erwartet. Das Lugala Lutheran Hospital bietet für über 100.000 Menschen, die bis zu 4 Tagesmärsche entfernt im Busch leben, umfassenden medizinischen Service, Behandlung, Gesundheitsvorsorge und -beratung und ist oftmals letzte Hoffnung, wenn die versprochene Heilung bei Medizinmann oder Kräuterfrau ausbleibt. Vor allem Frauen kommen, um hier sicher zu entbinden. Sehr frühe und der hier übliche hohe Anteil von Mehrfachschwangerschaften stellen ein nicht geringes Risiko dar, so dass diese Frauen neben Kindern die Hauptgruppe der Patienten bilden.

Ein für hiesige Verhältnisse gut ausgestatter Op und moderne Laborgeräte sowie eine dank der Spenden des Lugala-Arbeitskreises sichere Versorgung aller Patienten mit notwendigen Medikamenten ermöglichen Leistungen, die deutlich über eine medizinische Grundversorgung, die ein ländliches Krankenhaus bieten sollte, hinausgehen.

Trotz aller schon beschriebenen Schwierigkeiten und ungeachtet der prekären finanziellen Situation gab es im vergangenen Jahr keinen Stillstand, das Serviceangebot konnte für stationäre und ambulante Patienten erweitert und verbessert werden. Weiterbildung des klinischen Personals und umfangreiche bauliche Maßnahmen erlauben z.B. die Intensivpflege oder die Versorgung von Patienten mit Verbrennungen in eigens dafür eingerichteteten Räumen, wenngleich auch noch nicht alle Geräte einsatzbereit sind. So etwas braucht in Afrika nun einmal Zeit. Für ambulante Patienten ist jetzt eine Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen möglich. In den nächsten Tagen wird die Augenklinik eröffnet, die hierfür notwendige Ausstattung ist bereits angeschafft worden. Die Preise für medizinische Leistungen wurden weiter auf sehr niedrigem Niveau gehalten, für Medikamente knapp über dem Einkaufspreis, um so der einkommensschwachen und zum Teil auch mittellosen Bevölkerung medizinische Versorgung zu ermöglichen. Im Unterschied zu Government-Krankenhäusern wird in Lugala kein Patient abgewiesen, wenn er nicht bezahlen kann.

Außerdem baute SolidarMed im vergangenen Jahr zwei Einfamilienhäuser für Angestellte, damit ist die Wohnraumsituation allerdings noch nicht entspannt. Die Angehörigenunterkünfte, die sich in einem katastrophalen und menschenunwürdigen Zustand befanden, wurden umfassend renoviert, ebenso die sanitären Anlagen auf den Stationen. Gegenwärtig erhalten die Patientenzimmer auf der Kinderstation einen freundlichen Farbanstrich und werden mit Bildern verschönert.

Ob grimmig blickender Löwe
oder Giraffe auf rosa Wand-





kleinen und großen Patienten gefallen Motive und Farbwahl des Malers




Nicht zuletzt war die im Jahr 2009 eröffnete und mit dem Schuljahr 2010 um einen zusätzlichen Jahrgang erweiterte Nursingschool mit neuen Unterkünften, eigener Wasser- und Stromversorgung über eine separate Photovoltaikanlage ein bauliches Großverhaben.

Das Hospital wäre finanziell absolut nicht in der Lage, all diese Vorhaben durchzuführen. Ohne das SolidarMed-Engagement und die großzügige Schweizer Franken-, Euro- und Dollarunterstützung, hätte keine einzige dieser Maßnahmen realisiert werden können.

Einen Lichtblick zur Verbesserung der Einkommenssituation gibt es in diesem Jahr. Bisher erhalten lediglich 23 der insgesamt 80 Mitarbeiter ihr Gehalt von der tanzanischen Regierung, 3 werden über ein SolidarMed-Projekt bezahlt, der "Rest" muss vom Hospital aufgebracht werden. Dank der intensivierten Kontakte zum Gesundheitsministerium schien eine Anerkennung der tatsächlichen Bettenzahl und damit die Bezahlung der nach dem Schlüssel des Ministeriums zu beschäftigenden Mitarbeiter möglich. Zumindest hatte der seit Oktober neue Gesundheitsminister erstmals bei seinem Besuch in Lugala davon gesprochen, das Lugala Lutheran Hospital als sogenanntes Council Designated Hospital (CDH) oder sogar District Designated Hospital (DDH) anzuerkennen, man kann es mit Kreis- bzw. Bezirkskrankenhaus übersetzen. Der Status als CDH wäre mindestens angemessen und nach so vielen Jahren wirklich verdient. Diese Nachricht war erfreulich, aber zwischenzeitlich hat sich alles wieder relativiert. Doch auch mit der Einhaltung der nun aktuellen Zusage könnten wir vorerst gut leben. Die Regierung will alle Gehälter der medizinisch qualifizierten Mitarbeiter mit anerkanntem Zertifikat übernehmen, das wären immerhin schon gut zwei Drittel.

Schnell wird es mit der Umsetzung dieser Entscheidung trotzdem nicht gehen, und außerdem gilt für uns inzwischen der Grundsatz: Glaube nur, was du siehst oder in der Hand hältst.


B.

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